Beneidenswert, diese Amerikaner. Da treffen sich seit fast 150 Jahren die besten Köpfe aus den Universitäten und Forschungslabors und breiten - jeder eine halbe Stunde lang, bitte nicht mehr, der Kollege wartet schon - ihre neuen Erkenntnisse aus, in verständlicher Form vor einem wißbegierigen, aber nicht nur fachkundigen Publikum. Ganz nebenbei machen sie alle, Redner, Zuhörer und Berichterstatter aus der ganzen Welt, dieses Land zu dem, was es noch immer ist: die größte Wissenschaftsnation der Welt.

Glückliches Amerika, armes Europa. Denn in der Alten Welt werkeln derweil die Wissenschaftler weiter - zersplittert nach Nationen und zu oft fern der Öffentlichkeit. Jenseits des Atlantiks gibt es längst eine American Association for the Advancement of Science, jenen ehrwürdigen Verein mit 140 000 kregelen Mitgliedern, rund 300 zuarbeitenden Wissenschaftsorganisationen und einem eigenen Zentralorgan, dem Wissenschaftsjournal Science. Und bei uns? Was sind dagegen schon Max-Planck-Gesellschaft oder Frankreichs CNRS? Was bewirken, verglichen damit, denn die königlichen Akademien oder gutbürgerlichen Forschungsgesellschaften?

Beim diesjährigen Treffen der "Triple A, S", wie's im Slang heißt (wir berichten darüber auf Seite 45), schien in Baltimore Europa weit entrückt, ein stiller Flecken hinter den sieben Bergen. Und wie die sieben Zwerge hockten die Berichterstatter aus der Alten Welt staunend in der Stadt an der Chesapeake Bay und malten sich aus - ein Jahrestreffen der Max-Planck-Gesellschaft, Vortrag des politikerfahrenen Professors Dr. Dr.: "Die Wissenschaft und der europäische Traum".

Genug geträumt. Denn wer sich in Baltimore umsah, dem blieben auch Sprünge im grandiosen American Dream nicht verborgen. Ein halbes Jahrhundert waren Forschung und Entwicklung die Hätschelkinder im Reich des Lichts, wohlversorgt im Kampf gegen die Mächte der Finsternis. Im Kalten Krieg blühte die Wissenschaft, gespeist von Milliarden Dollar aus Staat und Wirtschaft. Damit ist es vorbei. Neue Ziele, neue Rechtfertigungen müssen her. Al Gore, der amerikanische Vizepräsident, klagte in Baltimore, daß erstmals Japan nicht nur pro Kopf der Bevölkerung, sondern auch in runden Zahlen mehr für die Forschung aufwende als sein Land und daß die Republikaner im Kongreß darauf drängten, den Etat um ein Drittel zu kürzen. Doch Wissenschaft, Technik und Erziehung seien, so rief Gore mit verhaltenem Pathos, die Blaupausen für die Zukunft und eine "Sache der nationalen Sicherheit".

Al Gore hielt eine Wahlkampfrede, zugegeben, doch stand er mit seinen Ansichten nicht allein. Der Feind, das sind heute weniger "die Roten" als die zurückgekehrten alten Seuchen, sind Aids und Elendskrankheiten, Gewalt und Unwissenheit. Wir wissen nicht genug und müssen viel mehr wissen, forderte Gore: Was Charles M. Vest, der Präsident des berühmten Massachusetts Institute of Technology, in dieser ZEIT-Ausgabe (siehe nebenstehenden Artikel) über das Nichtwissen schreibt, läßt sich also nicht nur als wissenschaftlicher Ehrgeiz, sondern ebenso als politisches Programm lesen. Neugier als Notwendigkeit, Wissen als Macht: Jenseits des Atlantiks hat man das nie vergessen, auch wenn dort genau wie hierzulande ums knappere Geld gezankt wird. Al Gores Schlußwort löste auf der AAAS-Konferenz natürlich Begeisterung aus: "Wie immer in Amerika ist das möglich, weil es an uns liegt, es zu tun." Ein Aufruf? Eine Herausforderung. Nicht nur für Amerika.