In seiner letzten Arbeit, an die Graham Greene noch selbst Hand angelegt hat, findet er scheinbar eine Lösung aller Unklarheiten seines Schreibens und Lebens. Er trennt da zwischen seiner "Eigenen Welt" und der "Gemeinsamen Welt". Als "Eigene Welt" bezeichnet er, einem Wort des griechischen Philosophen Heraklit folgend, die Welt der Träume.

Greene hat von klein auf seine Träume notiert. Später ist er sogar mehrmals nachts aufgestanden, um Traumnotizen zu machen. So entstand von 1965 bis 1989 ein achthundert Seiten umfassendes Tagebuch. Aus ihm hat er während seiner letzten Tage mit Hilfe der langjährigen Freundin und Vertrauten Yvonne Cloëtta am Totenbett etwa 140 Seiten herausgesucht. Sie sind in England 1992 unter dem Titel "A World of My Own" erschienen. Die deutsche Ausgabe hat Gerhard Steidl in Göttingen besorgt und auch gleich noch die 1994 in London erschienene Greene-Biographie des amerikanischen Anglistikprofessors Michael Shelden deutsch herausgebracht und sie geschickt einfach "Eine Biographie" genannt. Im Englischen heißt sie "The Man Within", will sagen, sie benutzt den Titel des ersten von Graham Greene veröffentlichten Romans (1929), der zum einen nicht gut und dessen Titel zum anderen mit "Zwiespalt der Seele" nicht sehr treffend übersetzt ist.

Ein bißchen setzt der Verlag sich mit dem Titel wohl auch darüber hinweg, daß es ja noch eine zweite Greene-Biographie gibt. Verfasser ist wieder ein amerikanischer Professor, Norman Sherry. Aber erstens ist sie noch unvollständig (von drei Bänden sind zwei erschienen, die bis 1954 reichen), zweitens ist sie entsetzlich langatmig und eher für Studierende als für Leser geschrieben und drittens weniger amüsant.

Shelden hat sich offensichtlich vorgenommen, eine Lebensbeschreibung zu verfassen, die noch aufregender ist als das Leben, das sie beschreibt. Da gehört schon was dazu. Der Werbetext für das Buch beginnt mit einem Spiegel-Zitat: Greene "war ein genialer Spurenleger und -verwischer, ein Held und Erfinder selbstgestrickter Legenden". Wie wahr, wie seiend!

Darauf folgt ein Text, der ein Konglomerat aus Verlagsbemühungen und Zitaten nicht genannter Autoren ist. Das liest sich so: "Und zu verbergen gab es viel: jahrzehntelange Agententätigkeit, ei- ne latente Neigung zur Homosexualität, ausschweifende Liebesabenteuer. Der junge Graham Greene trank bis zum Exzeß, verkehrte mit Prostituierten, spielte mit Selbstmordgedanken, besuchte Flagellanten-Etablissements und bot sich an, gegen sein eigenes Land zu spionieren." Davon ist knapp die Hälfte wahr.

Daß ich Graham Greene für den wichtigsten europäischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts halte, können mir in Deutschland nur wenige, in anderen europäischen Ländern um so mehr Menschen nachempfinden. Aber das soll mir keinen Grund geben für eine Reinwaschungsaktion. Und wenn Sheldens abartiger Katalog einige Leser dazu verführen könnte, wenigstens die sieben großen Greene-Romane zu lesen, dann dürfen wir uns dem Verführer zu Dank verpflichtet fühlen: 1. "Die Kraft und die Herrlichkeit" ("The Power and the Glory", 1940); 2. "Das Herz aller Dinge" ("The Heart of the Matter", 1948); 3. "Das Ende einer Affaire" ("The End of the Affair", 1951); 4. "Der stille Amerikaner" ("The Quiet American", 1955); 5. "Der Honorarkonsul" ("The Honorary Consul", 1972); 6. "Unser Mann in Havanna" ("Our Man in Havana", 1958); 7. "Der menschliche Faktor" ("The Human Factor", 1978).

Greene verwies übrigens immer auf seine Romane und anderen Schriften (Erzählungen, Dramen, Essays, Gedichte), wenn jemand Informationen über ihn begehrte. In der Tat erfährt man in ihnen auch viel über den Autor. Aber wie sonst noch kann sich der Historiker, der Biograph eine Vorstellung machen von einem Menschen, den er nicht selbst gekannt hat? Meistens ist er auf Zeugnisse aus zweiter Hand angewiesen. Und bei Greene muß man sogar mit den Zeugnissen aus erster Hand vorsichtig sein. In einem Gespräch bekannte er freimütig: "Aus persönlichen Gründen war ich gezwungen, mich im Lügen zu üben. Vor Journalisten schwindele ich sicherlich. Ich mag es nicht, wenn man mein Privatleben ausschlachtet."

Wer derartiges von sich bekennt, sollte damit rechnen dürfen, daß eine Autobiographie, die er sonderbarerweise trotzdem geschrieben hat, mit Skepsis betrachtet wird. Aber Greenes Biographen glauben die Geschichten, die der Sechzigjährige zusammengeschrieben hat, nur allzu gern. Sie passen so schön in ihr Bild von Graham Greene. Alles, was uns aus seiner Kindheit und Jugend berichtet wird, stammt zur Hälfte aus den 1971 veröffentlichten Erinnerungen und Phantasien eines alten Mannes, "A Sort of Life" ("Eine Art Leben").

Auch Professor Shelden bedient sich reichlich aus diesem Vorrat von Kindergeschichten aus einer "Art Leben". Da fehlt die Geschichte von dem Schüler nicht, der immer wieder erfolglos russisches Roulette spielt, und nicht die von dem Studenten, der beschließt, ein ganzes Oxforder Trimester lang nicht nüchtern zu sein. Später besuchte er dann "Flagellanten-Etablissements", da waren wohl auch Prostituierte nicht weit - den Leser seiner Romane wird das nicht wundern. Daß er "in dem Ruf stand", ein Freund von Kommunisten (vor allem in Mittelamerika) zu sein, läßt sich nicht leugnen. Um so mehr muß protestiert werden gegen den Satz: ". . . er bot sich an, gegen sein eigenes Land zu spionieren", der durch Verkürzung zur Verleumdung wird. Greene und der Geheimdienst - das ist ein zum Teil von ihm selbst inszeniertes Verwirrspiel, das aufzudröseln mehr Zeit und Mühe kostete, als Professor Shelden erübrigen konnte.

Wichtiger jedoch, als ihm diese oder jene Ungereimtheit nachzuweisen, ist es, der Korrektur eines viel fataleren Fehlers etwas mehr Raum zu geben. Wer einen Zugang zu dem Werk des großen englischen Romanciers finden will, muß sich bemühen, Graham Greenes Verhältnis zu Gott und den Frauen zu verstehen. Wahr ist, daß Greene es nicht so gern hatte, immer wieder als "katholischer Schriftsteller" abgestempelt zu werden, und daß er deswegen auch seine Konversion manchmal herunterspielte. Aber die Behauptung, er sei konvertiert, "um sich leichter einer jungen Katholikin nähern zu können", ist nicht nur falsch, sie ist unverschämt. 1925 hatte sich Graham Greene, damals Journalist in Nottingham, der jungen Katholikin Vivien Dayrell-Browning "genähert", genauer: Er hatte sich mit ihr verlobt. Im Februar 1926 ließ er sich katholisch taufen. 1927 heiratete er Vivien, die bis an sein Lebensende seine Ehefrau blieb.

Außerdem: Romane wie "Das Herz aller Dinge" und "Das Ende einer Affaire" kann niemand geschrieben haben, der den Katholizismus nicht ernst zu nehmen bereit war. Und was für jemanden wie Greene die Frauen damit zu tun haben, erfährt man aus diesen Romanen auch. Die Vorstellung, jemand wie er habe Gott bemüht, um kleine Katholikinnen in Nottingham aufzureißen, ist beschämend absurd.

Es besteht gar kein Zweifel, daß Greene ein enges Verhältnis zu Frauen hatte. Uns fehlen die Vergleichsmöglichkeiten, um mit einiger Sicherheit sagen zu können, wie sehr er sich darin von anderen Männern unterscheidet. Die Frage, ob er ein Playboy sei, hat er mit überzeugender Entrüstung zurückgewiesen. 1003 Abenteuer allein in Spanien hätten ihn bestimmt überfordert. Da waren einige eher flüchtige Beziehungen zu Damen der Gesellschaft, auch Schauspielerinnen. Da waren die ungezählten Prostituierten in allen Rotlichtvierteln der Welt, die man eher geneigt ist, als Geschäftsbekanntschaften abzubuchen. Mit ihnen hat er besonders gern getrunken und geredet. Und wo es darüber hinausging, hat er wenig davon gesagt. Befragt, warum Sexualität kaum jemals unverhüllt in seinen Romanen hervortrete, antwortete er: "Das hat überhaupt nichts mit Puritanismus oder Schüchternheit zu tun. Es handelt sich um ein rein technisches Problem. Die Position, die jemand im Bett bevorzugt, offenbart noch nichts von seinem Charakter. Man bringt eine Erzählung nicht voran, indem man sie mit Details über die Lieblingsstellung der handelnden Personen füllt. Man lenkt nur die Aufmerksamkeit des Leser auf sehr banale Nebensächlichkeiten."

Vier, vielleicht fünf Frauen haben in Greenes Leben eine wirklich große Rolle gespielt, und mit jeder von ihnen war er mehr als zehn Jahre zusammen. Kritisch freilich waren die Jahre 1947 bis 1951, weil ihn da drei von ihnen gleichzeitig beanspruchten: die Ehefrau Vivien, die getreue Sekretärin Dorothy Glover und die große Liebe seines Lebens, Catherine Walston, Amerikanerin und Frau eines englischen Großgrundbesitzers. (Von ihr vor allem handelt der Roman "Das Ende einer Affaire".)

Die Frau der letzten fünfundzwanzig Jahre seines Lebens, die ihn bis zu seinem Tode begleitet hat, hieß Yvonne Cloëtta, und er hatte sie 1959 in Kamerun kennengelernt. Um ihretwillen verlegte er 1966 seinen Wohnsitz von Paris nach Antibes. Von seiner "Freundin Yvonne" sprach er auch ganz ohne Heimlichtuerei. Ihr vor allem verdanken wir nun Greenes letztes Werk "In meiner eigenen Welt". Greene wollte: "In meiner Eigenen Welt".

Zu Indiskretionen kommt es auch in diesem Buch nicht. Das Kapitel "Liebe?" ist mit einem Fragezeichen versehen und enthält eine einzige, belanglose Episode. So recht im Geiste des Meisters hat die Herausgeberin gewaltet, wenn sie Greene noch an Zurückhaltung übertrifft. Da gibt es die berüchtigte Geschichte von Zoe Richmond, der Frau des Psychoanalytikers, um die sehr viel Garn herumgesponnen worden ist. Greene hat sie hier nicht unter seine Träume aufgenommen. Aber ganz wollte Madame Yvonne doch nicht darauf verzichten. So schreibt sie in ihr Vorwort, daß Greene "einen erotischen Traum beichten mußte, der die schöne Frau des Analytikers zum Gegenstand hatte". Auch sie konnte der Lieblingsquelle aller, die sich mit Greene beschäftigen, nicht widerstehen und schreibt aus der Pseudoautobiographie "Eine Art Leben" ab, was Greene freilich viel deutlicher ausdrückt:

",Und jetzt`, sagte Richmond, ,wollen wir uns mit Ihrem Traum der letzten Nacht beschäftigen.` - Ich hüstelte. ,Ich kann mich nur an einen erinnern.` - ,Also los.` - ,Ich war im Bett`, sagte ich. - ,Wo?` - ,Hier.` - Er schrieb etwas auf seinen Block. Ich holte tief Luft und legte los. ,Es klopfte an der Tür, und Zoe kam herein. Sie war nackt. Sie beugte sich über mich. Eine ihrer Brüste berührte beinahe meinen Mund. Ich wachte auf.` - ,Was assoziieren Sie mit Brüsten?` fragte Richmond und beobachtete seine Stopuhr. - ,Untergrundbahn`, sagte ich nach einer langen Pause. - ,Fünf Sekunden`, sagte Richmond."

Das hübsche, kleine, liebevoll aufgemachte Buch lehrt uns nichts, was wir nicht schon wüßten. Zwar geht es vor allem um die Träume. Aber die Mischung aus Fakten, Fiktionen und (eigenen oder gemeinsamen) Wahrheiten berührt uns vertraut. Wer jetzt mehr und Genaueres über Graham Greene erfahren will, muß sich nach Boston bemühen. Ich könnte mir vorstellen, Professor Sherry, der ja noch einen ganzen Band zu füllen hat, ist schon auf dem Wege. Er fände dort den gesamten Nachlaß Graham Greenes, Notizen, Briefe, Entwürfe, vor allem jedoch viele, viele Bücher aller möglichen Autoren, die von Greene reichlich mit Anmerkungen und Kommentaren versehen sein sollen. Nach langem Hin und Her hat ihn die Universität Boston gekauft. Für mehr als eine Million Pfund, hört man.

Graham Greene:

In meiner eigenen Welt

Aus dem Englischen von Joachim Kalka; Steidl Verlag, Göttingen 1995; 142 S., 34,- DM

Michael Shelden:

Graham Greene

Aus dem Englischen von Joachim Kalka; Steidl Verlag, Göttingen 1995; 544 S., 68,- DM