Paparazzi sind die Heckenschützen unter den Photojournalisten, die Bilder machen, welche zeigen sollen, daß Majestäten in der Badehose auch nur Leute sind. Die Tätigkeit der Paparazzi ist nun aber nicht nur etwas unappetitlich, sondern oft auch aporetisch. Denn die Bilder zeigen, daß sich der Photograph affenarmlanger Teleobjektive und verquerer Perspektiven bedienen mußte, um die Entfernung und die Abschirmung zu überwinden, die Majestäten von Leuten unterscheidet. Daß es also an den Badehosen liegt.

Im Konzept von Michael Köhlmeiers Roman "Telemach" findet sich eine Spur vom Problem der Paparazziästhetik wieder. Köhlmeier erzählt die "Telemachie" genannten ersten vier Bücher von Homers "Odyssee" nach. Er erzählt handlungs- und stoffgetreu, stellenweise sogar text- und zitatgetreu von Göttern und Menschen. Alle sind klassische Figuren der Literaturgeschichte. Das sind sie nicht durch ihre altertumstypischen Attribute, sondern durch ihre epische Zeitlosigkeit und ihre majestätische Entfernung.

Aus all diesen Figuren macht Michael Köhlmeier Leute von heute. Sie haben einerseits Fähigkeiten, die sie vor 3000 Jahren auch hatten, Pallas Athene segelt in steilen Kurven durch die Luft auf die "Villa Odysseus" am Rand einer bundesdeutschen Großstadt zu. Und sie haben die überreizten Nerven und die angeschlagenen Psychen einer spätindustriellen Wartegesellschaft. Sie sind historische Janusköpfe. Die homerischen Freier tragen Anzüge, die von Joop sein könnten, und fahren Angeberautos.

Michael Köhlmeiers Techniken, die alte Geschichte Homers als Heuteerzählung zu übernehmen, ergeben kein dezentes Palimpsest, sondern eine sehr selbstbewußte Überblendung. Wie die zwei Teile eines Reißverschlusses verschränkt er das Epos mit einem Gegenwartsroman, 3000 Jahre dabei wegfaltend. Er arbeitet auch sprachlich zweigleisig und kontrastiv. Zumal die langen Beschreibungsstrecken und Reflexionen sind dem Epos-Ton abgehört, phrasiert und rhythmisiert. Die Dialoge und Figuren aber sind modern und mündlich, gespickt mit Jargon und Idiomen.

Eine so herbeigedachte Konstruktion, ein so gestemmtes Kunstgebilde braucht Stützen, um als Romanwirklichkeit glaubhaft zu werden. Diese Stützen aber sind: die Attribute aus der Hier-und-heute-Dingwelt. Es ist der Herrenschreibtisch im Arbeitszimmer von Odysseus, auf dem außer Telemachs lässig hingeflegelten Beinen auch die ästhetischen Beweislasten des Romans ruhen. Die Dinge werden groß und die klassischen Figuren daneben noch kleiner, als es Romanpsychologie und Romanironie allein schon bewirken. Und auf die Ironie verläßt Köhlmeier sich im Laufe der Erzählung immer fester. Es scheint sogar, als habe er sich erst, als er merkte, daß die Sache komisch wird, entschlossen, den Weg zur Parodie einzuschlagen. Denn komisch wird es, wenn in einem Erzählmoment Antinoos durch das Nachtleben einer bundesdeutschen Straße streunt und im nächsten Odysseus Salz ins Meer streut wie bei Homer.

Die Telemachie ist ein herrlicher Stoff, eine Hymne an die Kraft der Erzählkunst. Denn Telemach entwickelt sich vom Buben zum Mann, vom Schlendrian zur Autorität, weil die Geschichten, die er sich über seinen Vater erzählen läßt, ihn erzieherisch so beeindrucken, daß sie den Vater selbst ersetzen. Telemach ist der Sohn von Odysseus. Aber er kennt den Vater nicht, er hat nicht einmal ein Erinnerungsbild von ihm. Denn er war kaum auf der Welt, als Odysseus in den Krieg zog, und seitdem drangen höchstens Gerüchte über den Umherirrenden nach Ithaka. Dort geht es seit Jahren bekanntlich drunter und drüber und Telemach schaut tatenlos zu. Dann passiert etwas, und die eigentliche "Telemachie" beginnt.