BERLIN. - "Die Geschichte", so urteilt die Ausländerbeauftragte der Bundesregierung, "klingt wirklich abenteuerlich", andererseits sei sie "ganz normal für einen Einwanderer nach Deutschland". Es ist die Geschichte des Münchner Rechtsanwalts Konstantin Kalaitzis und der deutschen Bürokratie. Sie handelt von der Schwierigkeit, Deutscher zu sein, zum Ausländer gemacht zu werden, aber auch das nicht sein zu dürfen.

Sie beginnt im Oktober 1964. Damals wird im bayerischen Kolbermoor der Junge Konstantin geboren, uneheliches Kind der deutschen Staatsangehörigen Franziska Kahlhammer. Keine Frage: qua Geburt ist er Deutscher. Doch 1968, mit vierjähriger Verspätung, heiratet die Mutter seinen Vater, einen Griechen, und prompt erfährt der gemeinsame Sohn eine Identitätsumwandlung auf dem Papier: Konstantin Kalaitzis, nunmehr eheliches Kind, wird Grieche, denn nach dem Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetz von 1913 richtet sich die Nationalität eines ehelichen Kindes allein nach der Nationalität des Vaters.

1974 erklärt das Bundesverfassungsgericht diese Regelung zwar für verfassungswidrig, weil sie gegen den Gleichheitsgrundsatz von Mann und Frau verstößt. Im Melderegister des Landratsamts Rosenheim jedoch bleibt Konstantin Kalaitzis weiterhin als "Ausländer" mit griechischem Paß registriert.

Kalaitzis stört das nicht weiter; es gibt wichtigeres als die Frage, welche Nationalität einer hat. Doch 1990 wird der fremde Paß plötzlich zum Problem. Als Kalaitzis bei der Ausländerbehörde den sichersten Aufenthaltstitel, die Aufenthaltsberechtigung, beantragt, wird ihm diese verweigert. Der angehende Jurist klagt, doch das Verwaltungsgericht München weist seine Klage ab. Er habe gar kein Recht, eine Aufenthaltsberechtigung einzufordern, entscheidet das Gericht, denn er sei bereits Deutscher. Also beantragt Kalaitzis einen deutschen Reisepaß und Personalausweis. Beides wird dem jungen Mann verwehrt, denn für die bayerischen Behörden, punktum, bleibt er Grieche. Die Folge: Als Rechtsreferendar wird Kalaitzis vom Oberlandesgericht München "als griechischer Staatsbürger" nur außerhalb des Beamtenverhältnisses zugelassen. Später hat er als "Ausländer" keine Chance auf einen der vielen vakanten Richterposten in den neuen Bundesländern.

Konstantin Kalaitzis geht erneut vor Gericht. 1993 stellt das Verwaltungsgericht München nochmals unmißverständlich fest, daß "der Kläger deutscher Staatsbürger im Sinne des Artikels 116 Absatz 1 Grundgesetz ist".

Die bayerischen Behörden ficht auch diese Entscheidung wenig an, denn inzwischen hat das Innenministerium des Freistaates dagegen Rechtsmittel eingelegt. Weil die "Rechtssache grundsätzliche Bedeutung hat", geht die Sache gleich zum Bundesverwaltungsgericht nach Berlin.

Das hohe Gericht, mit einer wachsenden Zahl von Rechtsstreitigkeiten ohnehin überlastet, wird nun am kommenden Dienstag über die Bürokratenposse entscheiden müssen. Zuvor hatten die Richter das bayerische Innenministerium noch um eine außergerichtliche Einigung gebeten. Daraufhin machte der Freistaat ein gnädiges Angebot: Man halte nunmehr eine Einbürgerung des Konstantin Kalaitzis für zulässig, denn "nach Überprüfung der Ausländerakte und Rücksprache mit dem Landratsamt Rosenheim sind zwingende Hinderungsgründe für eine Einbürgerung nicht zu ersehen". Allerdings müsse Kalaitzis zuvor zwei Bedingungen erfüllen: einen Antrag auf Einbürgerung stellen und im Gegenzug seine griechische Staatsangehörigkeit aufgeben. Beides lehnt Kalaitzis ab: Warum soll er in einem zeitraubenden Verfahren eine Staatsbürgerschaft beantragen, die er doch längst hat? Und wieso soll er seinen griechischen Paß abgeben und damit auf familiäre Erbansprüche in einem Land verzichten, zu dessen Staatsbürger deutsche Behörden ihn erst gemacht haben?