Sinkende Löhne und unsichere Arbeitsplätze waren lange kein Thema im Rennen der Republikaner um die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten ihrer Partei. Hingebungsvoll stritten die Anwärter hingegen über Steuern, Staatsabbau und Defizite. Bis zur vergangenen Woche, als selbst Bob Dole, der altgediente Senator und Favorit des republikanischen Establishments, plötzlich die Sorgen der kleinen Leute für sich entdeckte: Amerikas Firmen hätten eine gesellschaftliche Verantwortung, mahnte der Kandidat während des Wahlkampfs im Bundesstaat New Hampshire - und klagte über "unternehmerische Gier", "Rekordprofite" und "Rekordentlassungen".

Für den wundersamen Themenwechsel hatte ausgerechnet der Rechtsaußen der Partei, der TV-Kommentator Pat Buchanan, gesorgt. Mit seinem reaktionären sozialen Konservativismus und dem Ruf nach Protektionismus, Isolation und einer chauvinistischen Wirtschaftspolitik war der ehemalige Redenschreiber von Richard Nixon schon in Alaska, Louisiana und Iowa erfolgreich auf Stimmenfang gegangen. "Der Perot von 1996", urteilte das Magazin Time und erinnerte damit an den texanischen Milliardär Ross Perot, der während der Präsidentenwahl 1992 mit seinen Themen das Rennen um den Einzug ins Weiße Haus bestimmt hatte.

Buchanan ist kein Milliardär. Aber wie Perot ist er ein Populist mit einer in sich geschlossenen Botschaft, die den ökonomischen, sozialen und kulturellen Ängsten vieler Amerikaner eine Stimme gibt. Bob Doles Wirtschaftsprogramm bleibt ohne klare Konturen, Steve Forbes spricht vornehmlich für die Reichen, Lamar Alexander gelobt, ein "Präsident für das 21. Jahrhundert" zu sein - und niemand weiß, was er damit meint. Buchanan dagegen schlägt sich mit ebenso einfachen wie aggressiven Rezepten auf die Seite jener Arbeiter und Angestellten, denen die Globalisierung der amerikanischen Wirtschaft und der rapide technische Wandel ihren Glauben an die Zukunft geraubt haben: "In Amerikas Mittelklasse herrscht eine tiefe und durchdringende Unsicherheit", sagt der in vielen TV-Duellen geübte brillante Rhetoriker.

Diese Analyse wird von der Statistik untermauert: Während der Aktienindex an der New Yorker Börse bis vor kurzem von Rekord zu Rekord eilte, die Unternehmensgewinne wachsen und Spitzenmanager durchweg siebenstellige Dollarbeträge verdienen, stagnieren die unteren und mittleren Einkommen, die Entlassungswelle in den großen Firmen hält unverändert an. Seit 1979 sind die Löhne amerikanischer Arbeiter um real fünf Prozent gefallen. Auch Robert Reich, der Arbeitsminister des Demokraten Bill Clinton, registriert unter den Bürgern der USA "ein profundes Gefühl, daß die Ökonomie außer Kontrolle geraten ist und weder harte Arbeit noch ein wirtschaftlicher Aufschwung auch höhere Einkommen bringt".

Verantwortlich dafür sind im Weltbild Buchanans "die namenlosen Bürokraten der Welthandelsorganisation in Genf, dazu mexikanische Arbeiter, die für fünfzig Cent pro Stunde schuften, schließlich Immigranten, die den Amerikanern ihren Job wegnehmen". Sein Schlachtruf lautet folgerichtig America First! Amerikanische Arbeitsplätze müßten mit hohen Zollschranken geschützt, amerikanische Grenzen mit Mauern und Stacheldraht gegenüber Einwanderern verschlossen und amerikanische Beamte aus internationalen Handelsorganisationen zurückgezogen werden. Fünf Jahre lang sollten keine Immigranten mehr ins Land dürfen, das Freihandelsabkommen mit Mexiko solle aufgekündigt, gegenüber Japan oder China sollten Zölle in Höhe von zehn bis zwanzig Prozent erhoben werden. Ungehinderten Handel dürfe es nur mit Nationen geben, die einen ähnlichen Lohn- und Sozialstandard haben wie die USA, meint Buchanan.

Während der 57jährige mit solchen populistischen Parolen gegen das geltende ökonomische Dogma der Republikaner verstößt und die Großindustrie verschreckt, liegt er mit seinen sozialen und kulturellen Ansichter eher auf Parteilinie. Auch Anhänger der einflußreichen christlichen Rechten hat Buchanan auf seine Seite gezogen. Der erzkonservative Katholik wettert gegen Schwule und Lesben und ist ein erklärter Gegner jeder Abtreibung. Die Sozialhilfe müsse radikal zusammengestrichen werden, Förderprogramme für Frauen und Schwarze dürfe es nach seiner Meinung nicht mehr geben. In guter republikanischer Tradition will Buchanan zudem die Steuern senken. Auch hier trifft sich sein politisches Credo mit dem der Christian Coalition: "Steuern sind Sünde", sagt allen Ernstes der protestantische Reverend Louis P. Sheldon, Chef der ultrarechten Traditional Values Coalition in der Hauptstadt Washington.

Seine ideologische Nähe zu den rechten und aufrechten Christen garantiert Buchanan freilich nicht deren Stimmen. Selbst erzkonservative Republikaner sorgen sich um die möglichen Wahlchancen des Ex-Journalisten gegen den amtierenden Präsidenten und votieren deshalb für Dole oder Lamar Alexander. Dennoch ist der Einfluß Buchanans auf das Programm und die Richtung seiner Partei wie 1992 auch 1996 wieder deutlich spürbar. Vor vier Jahren drängte er die Republikaner auf ihrem Wahlparteitag in Houston in einem flammenden Aufruf zum "Kulturkrieg" gegen Linke und Liberale, heute ist dieser reaktionäre Konservatismus zum republikanischen Alltag geworden. Ebensosehr könnte es sein, daß auch der extreme ökonomische Nationalismus Buchanans mehr und mehr Widerhall findet. "Bei den Republikanern fasert die Verpflichtung zum Prinzip des Freihandels immer weiter auf", beobachtet der konservative Autor und Politik-Experte Kevin Phillips: "Die Partei bewegt sich auf Buchanan zu."