Berlin am historischen Scheideweg. Die wichtigsten Berliner Veranstalter der "wichtigsten Veranstaltung, die Berlin überhaupt hat", schlagen Alarm: Es werde bereits diskutiert, das Berliner Wichtig-Event in diesem Jahr in die ganz und gar unwichtige Stadt Frankfurt am Main zu verlegen, wo dieses "nationale Ereignis" (Veranstalter) nichts zu suchen hat. Die Rede ist natürlich von der traditionellen Liebesparade, die bereits seit anno 1989 immer im Juli Hunderttausende junger Menschen aus allen Teilen der Republik zu freundschaftlichen Begegnungen und friedlichem Miteinander nach Berlin, Hauptstadt der BRD, führt.

Leider war die Love Parade, die bisher stets auf dem Kurfürstendamm stattfand, schon im vergangenen Jahr beträchtlichen Schwierigkeiten begegnet. Es gab städtische Kräfte, die die gigantische Veranstaltung nicht als politische Demonstration anerkennen wollten - trotz des eindeutigen Mottos "Für Friede, Freude, Eierkuchen". Statt dessen sprachen sie nur vom Müll, der die Straßen nach der Parade stets vollständig bedeckt, von den Kosten für dessen Beseitigung und von der Formel für deren Begleichung: Politdemo = Land zahlt / Kommerzparty = Veranstalter zahlt. Dennoch ging alles noch einmal gut aus, und der Senat wischte der Viertelmillion euphorisierter Techno-Kids mütterlich hinterher.

In diesem Jahr kommt ein neues, viel schwerwiegenderes Problem hinzu. Es hört auf den Namen Streckenführung. Denn, das haben die Veranstalter erkannt, der Kurfürstendamm als Veranstaltungsort hat im gesamtstädtischen Maßstab eine Wichtigkeitseinbuße hinnehmen müssen: "Heute und in Zukunft ist Berlin-Mitte das Zentrum der Stadt. Es ist einfach zeitgemäß und natürlich, daß die Love Parade auf ,dem` Boulevard im heutigen Herzen der Stadt ihren Platz findet. So soll 1996 die Love Parade unter dem Motto ,We are one Family` Unter den Linden stattfinden." Anders gesagt: Rave goes Preußen.

Nach der Traufhöhen-, der Handke-, der Tiergarten-Grill- sowie der Tiergarten-Tunnel-Debatte ist nun die Love-Parade-Streckenführungsdebatte in vollem Gange. Während die Geschäftsführerin der Vereinigung der Ku'Damm-Geschäfte, Manuela Remus-Woelffing, die Pläne für eine Verlegung der müllträchtigen Love Parade in den Osten "super, einfach toll!" findet, sind die Betroffenen dort entsetzt. So begrüßt der CDU-Bezirksbürgermeister von Berlin-Mitte, Joachim Zeller, zwar generell den Effekt der "Außenwerbung" der Love Parade. Er befürchtet aber, ausgerechnet dieser Prachtboulevard könnte Schaden nehmen. Die Raver selbst sieht er schon massenweise in die Baugruben am Pariser Platz fallen: "Absperrungen können ein ,normales` Publikum von Gefahrenquellen fernhalten. Aber wer könnte garantieren, daß einige hunderttausend Raver ebenfalls an potentiellen Unfallorten vorbeigeleitet werden? Wer will die Verantwortung dafür übernehmen, daß die Denkmäler nicht beturnt werden oder die Bäume, die der Straßen ihren Namen gaben?"

Dabei ist doch klar: Die Liebesparade muß unter die Linden. Erstens können wir froh sein, daß unsere deutsche Jugend endlich soviel Bewußtsein für nationale Symbolik entwickelt hat wie etwa der Bundeskanzler und andere Wichtig-Würdenträger, die ja auch nicht mehr auf die Idee kämen, historische Handlungen an einem anderen Ort als zwischen Brandenburger Tor und Schloßplatz vorzunehmen - man denke etwa an die tollen Partys zum Volkstrauertag rund um die Neue Wache im November. Da würde bei der Love Parade im Juli sicher Professor Stölzl aus seinem Zeughaus gerne für die traditionellen Wassereimerduschen sorgen, zur willkommenen Abkühlung für die schwitzenden Staats-Raver. Überdies wäre dies alles auch eine schöne Anknüpfung an die historischen Weltjugendfestspiele 1953 auf dem Alexanderplatz. Und nicht zuletzt: Was ist die Love Parade eigentlich? "Ein Happening?" fragte eine Besucherin im vorigen Jahr. "Hier passiert doch nichts außer Gewusel." Könnte man ihn besser beschreiben? Den Geist des Ortes. Mitten in der Republik.