Der Streit zwischen CDU West und CDU Ost hat längst Tradition. Und gemessen an früheren Auseinandersetzungen, verläuft die aktuelle Debatte geradezu sachlich und zivil. Den bisherigen Tiefpunkt der innerparteilichen Ost-West-Beziehungen markierte der Konflikt im Sommer 1991, als der damalige Generalsekretär Volker Rühe den Altkadern aus der Blockpartei, die sich in die Führungspositionen der "neuen" CDU gerettet hatten, den Kampf ansagte und unverblümt "personelle Hilfe" aus dem Westen androhte.

Rühes öffentlicher Vorstoß wirkte wie ein Stich ins Wespennest. Die Ostfunktionäre forderten "Autonomie" bei der Regelung ihrer inneren Angelegenheiten und verbaten sich "anmaßende Belehrungen" aus dem Konrad-Adenauer-Haus. Günther Krause, damals Wortführer der Ostpartei in Bonn, ließ den Generalsekretär wissen, er solle mit seinem "dummen Gequatsche" über den Zustand der neuen Landesverbände endlich aufhören. Selbst der vergleichsweise milde Paul Krüger, heute stellvertretender Vorsitzender der Bundestagsfraktion, drohte: "Das wird ein Nachspiel haben."

Es hatte ein Nachspiel: Während in einer Serie ost-westlicher Schlichtungstreffen die Wogen mühsam geglättet wurden und es schon fast danach aussah, als habe sich der Osten durchgesetzt, kippten in der Folgezeit reihenweise belastete Altkader der Block-CDU aus ihren schönen neuen Ämtern. Von den wendefreudigen CDU-Ministerpräsidenten und Parteivorsitzenden der ersten Stunde konnte sich keiner halten.

Daß die Blockparteifunktionäre aus den Spitzenpositionen vertrieben wurden, wirkt heute wie eine demokratische Selbstverständlichkeit. Und dennoch lag es nicht nur an der Unverschämtheit der alten Kader, daß die Auseinandersetzung eskalierte. Die Erbitterung im Osten war deshalb so groß, weil der Westen plötzlich an der Geschäftsgrundlage der Parteivereinigung rüttelte. Denn als im Februar 1990 die Weichen für den Zusammenschluß zwischen CDU West und CDU Ost gestellt worden waren, hatte die Vergangenheit der Blockpartei überhaupt keine Rolle gespielt. Im Gegenteil: Das Schweigen über die kompromittierte Geschichte und die kritiklose Vereinnahmung der einstigen SED-Partner bildeten eine Voraussetzung für die Wahlerfolge im Einheitsjahr. Die in vierzigjähriger SED- Partnerschaft diskreditierte Ost-CDU wurde in der Allianz mit der westlichen Regierungspartei zum Symbol für Einheit, Freiheit und Wohlstand gewendet. Damals stellte die CDU der Partei im Osten den Persilschein aus, den ihr Rühe dann ein Jahr später wieder entzog. Was im Einheitsjahr den rauschenden Erfolg garantierte, erweist sich jetzt als ein Hindernis für die Zukunft der Partei im Osten. Auf diese bittere Dialektik der Parteigeschichte wollten sich die Altfunktionäre verständlicherweise nicht einlassen. Genutzt hat es ihnen nichts.

Nach dem Blockflötenkrach verstummten die innerparteilichen Ost-West-Mißklänge - bis die unerwarteten Erfolge der PDS auch die Union durcheinanderbrachten. Während das Adenauerhaus bis heute die bedingungslose Konfrontation mit der SED-Nachfolgepartei predigt, plädieren Teile der CDU in den neuen Ländern für einen "differenzierteren Umgang", "inhaltliche Auseinandersetzung" und kommunale Zusammenarbeit. Sie sehen mit einigem Unbehagen, wie erfolgreich die PDS ihre "Ostidentität" als Wahlkampfschlager ausschlachtet, während sie selbst mit den im Adenauer-Haus ausgebrüteten Kampagnen gegen die "roten Socken" in einen müden Krieg ziehen. Mitten im Bundestagswahlkampf 1994 kam es über diese Frage zum Krach. Seither hat Generalsekretär Peter Hintze im Partei-Osten einen ähnlich schweren Stand wie sein Vorgänger: ideale Voraussetzungen also, um den schwelenden Ost-West-Konflikt weiter voranzutreiben.