Die Bremer Vulkan Verbund AG in ihrer bisherigen Form ist am Ende. Tagelang hatten Vorstand und Aufsichtsratsvorsitzender, Gewerkschafter und Politiker aus Bonn, Bremen und Schwerin nach Wegen gesucht, um den Zerfall des Verbundes mit seinen 22 5OO Beschäftigten zu verhindern. Doch für ein tragfähiges Rettungskonzept reichte dem erst seit Anfang Februar amtierenden Vorstandschef Udo Wagner die Zeit nicht mehr, die Geldnöte waren zu groß.

Wie klamm der bremische Schiffbauer war, erfuhren die Gläubigerbanken am Abend des 15. Februar. Allein um die bestellten Schiffe fertigbauen zu können, hätte der Vulkan rund eine Milliarde Mark gebraucht, auf weitere 1,1 Milliarden Mark bezifferte die Unternehmensführung den sonstigen Liquiditätsbedarf. Entsetzt fragten Vertreter der Bremer Landesbank Finanzchef Günter Smidt, ob er sich eigentlich wirklich über die Konsequenzen einer Konkursverschleppung im klaren sei. Ohne die Banken tagte die Führungsspitze noch bis tief in die Nacht und bat dann am anderen Morgen beim Bremer Börsenvorstand um Kursaussetzung für die Vulkan-Aktie. Anfang der Woche werde es eine "wichtige Mitteilung" geben. Da war eigentlich schon klar, daß für die hanseatische Werft ein harter Schnitt unvermeidbar war.

Das 104 Jahre alte Bremer Unternehmen ist damit am bisherigen Tiefpunkt seiner früher einmal glorreichen Geschichte angelangt. In Bremen-Vegesack wurde das erste deutsche Dampfschiff gebaut, der seinerzeit größte Tanker, der weltweit größte Bergungsschlepper und das erste deutsche Containerschiff. Doch seit der großen Werftenkrise zu Beginn der achtziger Jahre schlingerte das Unternehmen von Krise zu Krise - mehr als einmal schon drohte das Aus. Doch immer, wenn es ernst wurde, eilte das Land Bremen zu Hilfe. Selbst vor riskanten Finanzoperationen schreckten die Senatsstrategen nicht zurück. Im Jahre 1985 zum Beispiel verkaufte Bremen einen Landesanteil am Vulkan von 25 Prozent an eine Schweizer Bank. Mit dem Erlös garantierte der Senat eine Kapitalerhöhung des Vulkan von 66 auf 154 Millionen Mark. Die war nötig, so hieß es damals, um "die Voraussetzungen für eine sichere Zukunftsentwicklung zu schaffen".

Die Nachrichten aus dem Unternehmen waren in der Folge höchst positiv, für 1986 kündigte der Vorstand ein ausgeglichenes Ergebnis an und versprach Produktivitätssprünge von bis zu zwanzig Prozent. Doch aus den schönen Versprechen wurde nichts. 1987 machte der Konzern sechzig Millionen Mark Verlust, die Pleite verhinderten nur zwei weitere Kapitalerhöhungen. Die wurden wieder größtenteils vom Senat finanziert. Schon damals beschrieb der amtierende Aufsichtsratsvorsitzende Wilhelm Scheider das Grundübel des Konzerns: "Das größte Problem beim Bremer Vulkan sind die Finanzen." Das hinderte den 1987 neu angetretenen Vorstandschef Friedrich Hennemann dennoch nicht, auf Expansionskurs zu gehen.

Getrieben von der Vision, aus dem vergleichsweise kleinen, unmodernen Schiffbauunternehmen einen international wettbewerbsfähigen "maritimen Technologiekonzern" zu schmieden, kaufte der ehemalige Bremer SPD-Senatsdirektor sich in der Maschinenbaubranche ein - just als dieser Industriezweig zu Beginn der neunziger Jahre in die schlimmste Krise seit dem Krieg schlitterte. Als drittes Standbein wählte er die Elektronik und verleibte sich 1991 die Krupp Atlas Elektronik und die STN Systemtechnik Nord ein. Beide Unternehmen wurden inzwischen zur STN Atlas Elektronik zusammengefaßt. Um seine Einkaufstour zu finanzieren, bat er die Aktionäre und immer wieder den Bremer Senat zur Kasse. Der zahlte auch willig, beeindruckt vom phänomenalen Wachstum des Vulkan: Unter der Ägide des Genossen Hennemann wuchs der Umsatz von einer auf sieben Milliarden Mark, die Zahl der Beschäftigten stieg von 5000 auf weltweit 22 500 Mitarbeiter. Allein 7200 davon arbeiten auf den ostdeutschen Werften in Rostock, Wismar und Stralsund. Für deren Übernahme hatte Hennemann nach monatelangem Tauziehen 1992 grünes Licht von der Treuhand bekommen.

Noch Anfang Juni 1995 schien es so, als hätte Hennemann - all seinen Kritikern zum Trotz - die richtige Strategie gewählt. Auf der Hauptversammlung im Juni stellte er gar eine Dividende in Aussicht. Selbst das "Grundproblem", die Finanzen, schien gelöst: "Das jetzige Finanzkonzept setzt die Gesellschaft insgesamt in die Lage", heißt es im Geschäftsbericht, "bei planmäßiger Entwicklung bis Ende 1996 auf zusätzliche Bankkredite weitgehend zu verzichten." Den Banken gefiel die Bilanz der Bremer so gut, daß sie fortan die Vulkan-Aktie zum Kauf empfahlen.

Wer dem Rat folgte, steht nun mit leeren Händen da. Nur wenige Wochen nach der Hauptversammlung war es - wieder einmal - mit den guten Nachrichten vorbei. Statt eines Gewinnes sei mit einem Verlust von knapp dreißig Millionen zu rechnen, hieß es plötzlich. Und dann ging es Schlag auf Schlag. Anfang September tauchten Gerüchte über einen Liquiditätsengpaß auf, die erst dementiert, dann bestätigt wurden.