In England sollen jetzt Särge angeboten werden, die man auch zu Lebzeiten bequem nutzen kann - als Bücherregal. Eine famose Idee. Nur, was nützt uns ein Sarg? Wir brauchen viele, viele Särge, denn die Zahl der tot- und begraben geglaubten Dichter, die sich als Neuerscheinungen in unsere Regale zwängen, wächst und wächst. Die Reanimateure der Kulturindustrie kennen kein Pardon. Wer tot ist, ist dem Nahrungskreislauf zurückgegeben, wird immer attraktiver, weil immer billiger und rechtloser - selbst letzte Verfügungen wie die des Marquis de Sade, die Menschheit möge ihn und sein Werk gefälligst vergessen, sind nicht das Papier wert, auf dem sie nachgedruckt werden.

Der österreichische Schriftsteller Jakob Julius David (1859 bis 1906) war bis vor kurzem völlig vergessen. Heute, nach hundert Jahren, soll der "Unzeitgemäße" von damals wieder zeitgemäß sein? Das meint offenbar der Residenz Verlag, der jetzt eine kleine Auswahl seiner Novellen herausbrachte. Und das meinte auch schon Stefan Zweig, der unermüdlich Freundliche, wenn er in seinem Nachruf auf David prophezeite: "Seine Novellen werden bleiben. Ebenbürtig den besten, die heute in deutscher Sprache geschrieben werden, erdkräftig, herb und kernig, haben sie Herbstreife in sich . . . Wie Erz sind sie gegossen und siebenfach gehärtet ist ihr Deutsch."

Stefan Zweig meinte es gut, aber so schlimm ist es Gott sei Dank nicht. Siebenfach gehärtetes Deutsch? Uns reicht schon das "einfache" Hüttenwerker-Deutsch in den frühen Dramen Heiner Müllers. Aber es stimmt, Davids Sprache hat etwas Gedrungenes, Knorziges, Archaisches. So gar nichts von den Stimmungsvaleurs, den eleganten, schwingenden Perioden eines Hofmannsthal oder Schnitzler, weshalb er wohl auch als unzeitgemäß galt. Vom Glanz und Chichi, von der nervösen Maskerade und verspielten Weltschmerzlichkeit des Wiener Fin de siècle findet man bei ihm ohnehin nichts oder nur in unbeholfener Form. Leutnants, Rittmeister, sich duellierenden Bagatelladel, Damen von Welt und Halbwelt kennt er schon von außen nicht, geschweige denn von innen. Nie bekämen sie bei ihm eine Hauptrolle, Schnitzlers oder Tschechows "überflüssige Menschen".

David, ein Zugereister aus Mähren, ein Jude, ein refugee mit der Empfindlichkeit, den blankliegenden Nerven der Erzähler aus der Peripherie, hat seine Protagonisten nach seinem Bilde geformt: periphere "uninteressante" Menschen aus den niederen Schichten, Dienstleute, arme Poeten, Hungerstudenten. Menschen, die ganz unspektakulär ins Unglück geraten, weil dieses Unglück schon in ihnen sitzt, in den Schwächen und Behinderungen ihrer Natur, die sich irgendwann schicksalhaft kontaminieren.

Da hat so ein redlicher Mensch seine Jugendliebe geheiratet, und diese Liebe und das Glück dieser Frau bedeuten ihm alles. Doch es nützt ihm nichts. In seiner Anhänglichkeit gesteht er nur seine Unvollkommenheit, seine animalische Schwäche, und sobald ein Stärkerer auftaucht, verläßt sie ihn. Ein stilles (modern "individualpsychologisches") Seelendrama zwischen zwei Einsamen, die sich gefunden haben, um sich wieder zu verlieren. Sie können nur dasitzen und einander traurig dabei zusehen.

Oder die ergreifende Geschichte einer slowakischen Magd, die den größten Tag ihres Lebens, den Tag ihrer Auswanderung nach Amerika zu ihrem Verlobten, erlebt, einen Tag, der allerdings auch die schlimmsten Prüfungen bereithält. Erst muß sie nämlich noch das Pflegetöchterchen loswerden, mit dem die eigentliche Mutter sie auf dem Bahnhof kurz vor ihrer Abfahrt hat sitzenlassen. Aber wie? Sie setzt das Kindchen im Warte-