Madrid

Von der Plaza Cibeles her erhebt sich ein Ruf über die bisher ruhige Menschenmenge, brandet heran zur Alcalá-Straße, bis er mit Macht die Puerta del Sol, das Verkehrszentrum der Altstadt, erreicht: "Basta ya! Basta ya!" Es reicht. Und mit dem Ruf strecken sich Zehntausende von Händen in den Himmel, die Handflächen offen, viele weiß bemalt, manche mit weißen Handschuhen: ein Symbol der Wehr- und Schuldlosigkeit. "Unsere Hände sind nicht wie ihre mit Blut befleckt", sagt ein Mädchen.

Basta ya. Mit diesem Ruf protestieren am Montag abend eine Million Menschen gegen die Ermordung des Universitätsprofessors und Verfassungsgerichtspräsidenten Francisco Tomás y Valiente durch die baskische Separatistenorganisation Eta. Es war die größte Demonstration in der spanischen Hauptstadt seit fünfzehn Jahren, als es galt, die junge Demokratie vor putschenden Offizieren zu bewahren. "Jedesmal, wenn sie einen Mann auf der Straße töten, töten sie etwas in jedem von uns", hatte Tomás y Valiente in seinem letzten Artikel für die Tageszeitung El Pais geschrieben. Dieses Gefühl ist es, das die Menschen in Madrid auf die Straße treibt. Die tödlichen Schüsse, die ein 25jähriger Eta-Terrorist auf den Professor in seinem Universitätsbüro abgab, trafen keinen aus dem Staatsapparat, keinen Militär, Polizisten, Politiker, sondern einen großen spanischen Liberalen, "einen von uns".

"Ich demonstriere mit", sagt Miguel, ein Madrider Student, "aber ich mache mir keine falschen Hoffnungen. Der Terror wird nie aufhören." Sein Pessimismus hat in letzter Zeit reichlich Nahrung erhalten: Seit Anfang Dezember haben die Terroristen zehn Menschen ermordet; nur acht Tage vor dem Anschlag auf Tomás y Valiente war der baskische Politiker Fernando Múùúgica Herzog mit einem Genickschuß hingerichtet worden. Die Eta demonstriert vor den Parlamentswahlen am 3. März ihre unveränderte Gewaltbereitschaft. Die Spanier reagieren mit Empörung: "Solidarität", steht auf einem der Demonstrationstransparente, "Frieden" auf einem anderen.

Das war nicht immer so. Die ersten Attentate, noch zu Francos Zeiten, verschafften der Eta für lange Zeit den Nimbus edler Freiheitskämpfer - ein erstaunlich zählebiger Ruf, besonders außerhalb Spaniens. Schuld daran ist vor allem jene Sprengladung, die am 20. Dezember 1973 den damaligen Ministerpräsidenten Luis Carrero Blanco tötete, der als Garant für ein Fortbestehen der Diktatur nach Franco galt. Der Tod Carrero Blancos gilt heute als Ausgangspunkt der Transición, des friedlichen Übergangs zur Demokratie. Das sehen auch die Etarras, die Mitglieder der Eta, so. "Dank dieser Aktion gibt es in Spanien heute diese Pseudodemokratie", verkündeten sie einmal vor einer Kamera der ARD.

1959 von jungen radikalen Basken gegründet, verübte die Eta (Euskadi Ta Askatasuna, zu deutsch Baskenland und Freiheit) ihren ersten Anschlag 1968 auf einen Polizisten. Seitdem hat die Gruppe rund 800 Menschen mit Schüssen oder Bombenanschlägen getötet, ein Drittel von ihnen Zivilisten. Ihr Ziel ist ein unabhängiger sozialistischer Staat, der das Territorium der baskischen Provinz mit der Nachbarprovinz Navarra und dem französischen Baskenland vereint. Aber nicht einmal die neugewonnenen Freiheiten nach dem Tod Francos - wie das Recht auf die eigene Sprache, die politische Autonomie und eine eigene Polizei - brachten die Etarras von ihren Zielen ab.

Im Gegenteil: Gerade in den ersten Jahren der Demokratie war der Eta-Terror besonders erbarmungslos. Allein 1980 fielen ihm 124 Menschen zum Opfer. Da tauchte 1983 ein neues Terrorkürzel auf: Gal. Die Kommandos dieser "Antiterroristischen Befreiungsgruppen" ermordeten - unter der Führung spanischer Polizisten und Militärs und mit denselben Mitteln wie ihre Gegner - Mitte der achtziger Jahre 28 Menschen, die sie (in vielen Fällen irrtümlich) für Mitglieder der Eta hielten. Heute prüfen die höchsten Gerichte die Frage, wie weit die strafrechtliche Verantwortung für die Verbrechen der Gal die politische Befehlskette hinaufreicht. Der damalige Innenminister José Barrionuevo steht inzwischen unter Anklage. Zehn Jahre nach ihrem Verschwinden liefert die Gal den Eta-Anhängern immer noch ideologische Munition fürs Weiterkämpfen.