Medea ist verzweifelt. Seit sie ihre Heimat verlassen hat, geht alles schief. Wäre sie doch in Kolchis geblieben, am idyllischen Ostrand der Zivilisation. Weitab der antiken Weltläufe hütete sie dort den reichen Schatz matriarchaler Weisheit, archaisch, authentisch und unentfremdet. Da war sie noch eins mit sich, mit Mutter Göttin und Schwester Natur. Hätte das nicht gereicht, um glücklich zu sein?

Hätte es wohl. Doch da gab es eben auch noch die Männer, gewalttätig und dumm in der Regel, in Ausnahmefällen gleichwohl liebenswert und verführerisch. Das wird Medea zum Verhängnis. Eines Tages begegnet sie Jason, Königssohn aus Jolkos im fernen Westen, und folgt ihm nach Korinth. Allein, niemand dort mag die dunkelhäutige Fremde leiden, die aus dem Osten kommt. Dumpfsinnige Barbarin schilt man sie oder, schlimmer noch: böse Zauberin, die die korinthischen Götter und Lebensgrundsätze nicht respektiert. Allerlei Schaden für die Stadt wird ihr angelastet. Man fürchtet Medea. Darum wird sie gemieden und ausgegrenzt.

Es kommt, wie es kommen muß. Jason - typisch Mann: konfliktscheu und treulos - opfert die einst Geliebte dem persönlichen Fortkommen und verheiratet sich mit Glauke, der örtlichen Thronfolgerin. Damit ist Medeas Schicksal besiegelt. Des letzten Fürsprechers beraubt, wird sie vom König Kreon aus der Stadt gewiesen.

Mißbraucht, verraten und verstoßen: "Von allem, was auf Erden Geist und Leben hat, / Sind doch wir Fraun das Allerunglückseligste", so klagt die Betrogene schon als tragische Heldin bei Euripides, in ihrem ersten großen Auftritt in der dramatischen Literatur. In dieser Version freilich rächt sich Medea grausam. Ihre Verzweiflung schlägt um in Zorn. Tobend und wütend zaubert sie Nebenbuhlerin und ruchlosem König eine tödliche Feuersbrunst an den Hals und erdrosselt die gemeinsamen Söhne, um nach vollbrachter Gewalttat dann, laut fluchend, in einem von feuerspeienden Drachen gezogenen Luftschiff zu entschwinden.

Es ist diesem dramatischen Auf- und Abtritt zu danken, daß Medea nicht gerade als unschuldiges Opfer in Erinnerung geblieben ist. Seit Euripides kennt man sie in der Rolle des rasenden Teufelsweibs. Den Zumutungen der Zivilisation, heißt es gemeinhin, habe sie sich mit einem furiosen Rückfall ins Barbarische widersetzt, leidenschaftlich, monströs und bar jeder sittlichen Selbstbeschränkung.

Alles gelogen, behauptet nun Christa Wolf in ihrem Roman "Medea Stimmen". Niederträchtige Erfindungen übelwollender Männer, die nichts auslassen, um eine unangepaßte Frau als hysterische Hexe zu diffamieren. Keine Übertreibung zu kraß, keine Verzerrung zu unverfroren.

Bei Christa Wolf besteht die angebliche Mordserie aus einer Kette unglücklicher Umstände und Zufälle. Während nämlich Medea noch weinend in ihrer Hütte sitzt und sich auf die Verbannung vorbereitet, erleidet Glauke einen epileptischen Anfall. Anschließend begeht die kränkliche Königstochter Selbstmord, denn sie war allgemein depressiv veranlagt. Und als ein aufgehetzter Mob Medeas unschuldige Kinder steinigt - als mutmaßliche Hexenbrut -, da hat man ihre Mutter schon längst aus der Stadt gejagt. Statt sich effektvoll gen Firmament zu verabschieden, dämmert sie in einer zugigen Berghöhle dem Tod entgegen und ernährt sich von Käfern und Ameisen.