Folgendes ist passiert: Ich war auf dem Rückweg vom Büro an der U-Bahn-Station Wittenbergplatz ausgestiegen, weil ich im KadeWe noch ein Glas von dieser Paul-Newman-Spaghetti-Sauce kaufen wollte. Also quetschte ich mich total erschöpft durch das Gedränge all der abgebrühten Was-soll-daran-jetzt-so-toll-sein-Touristen und tütenbeladenen Yuppies auf der Feinschmecker-Etage im sechsten Stock. Neben einem Stand mit exotischen Früchten wurde mir schlagartig klar, "daß jeder sich verloren fühlt, wenn er jung ist". Ich benutze hier die Worte meines neuen Lieblingsschriftstellers Douglas Coupland. Alles ist anders, seit ich begonnen habe, die Welt mit seinen Augen zu sehen und die Sachen, die überall passieren, mit seinen Worten zu beschreiben. Ich ließ also diese ganze Kauf-mich-ich- bin-käuflich-Welt hinter mir und fuhr auf der Rolltreppe zurück, als ich in der dritten Das-ist-die-unter-der-Vierten-Etage zufällig dieses Buch sah. Aber was ist schon Zufall? Weißt du, was Zufall ist? Ich weiß es nicht. Ich habe oft mit meinen Freunden darüber gesprochen, und wir alle waren uns einig, daß es so etwas wie Zufall nicht gibt, vor allem Klaus-Dieter und Nicole.

Das Buch lag seelenruhig da wie der schwarze Labrador-Retriever, den die Nachbarn meiner Eltern in Norddeutschland hatten, und wedelte sozusagen nur ein bißchen mit dem Schwanz, als ob es schon immer auf mich gewartet hätte. Es hieß "Life after God", und der Autor war jener Douglas Coupland, der bald schon mein Lieblingsschriftsteller werden sollte, und der Untertitel hieß "Die Geschichten der Generation X" (Douglas Coupland: Life after God; aus dem amerikanischen Englisch von Harald Riemann; Aufbau Verlag, Berlin 1995; 357 S., 39,80 DM). Es sah ein bißchen aus wie ein dickes Bündel Tausendmarkscheine, das ein Bankräuber auf der Flucht vor den Bullen fallengelassen hatte, und es schien nur darauf zu warten, daß ich es nahm. Das Titelbild zeigte ein nacktes Baby, das auf einer Art blauer Astralstrahlen abwärts rutschte, wahrscheinlich in eine Zukunft ohne Gott. Wenn ich jetzt nach all den Tagen genauer darüber nachdenke - und ich denke ziemlich viel nach in letzter Zeit -, dann sah das Buch vielleicht doch eher wie einetotal overdesignte Vidal-Sassoon-Hairstyling-Gel- Schachtel aus. Jedenfalls kaufte ich es und machte mich schnurstracks auf den Weg nach Hause.

Das Buch hat mir dann noch sehr, sehr viel Freude gemacht. Es besteht aus lauter ziemlich kurzen und ziemlich groß gedruckten Geschichten, die aus der Ich-Perspektive erzählt werden. Ich muß schon sagen: Dieser Douglas Coupland läßt einen nicht im Stich. Immer, wenn er eine Zeitlang etwas beschrieben hat - wie er im Auto durch Kanada fährt oder sich an den Labrador-Retriever der Nachbarn seiner Eltern erinnert oder so etwas -, kommt eine Passage, in der genau erklärt wird, um was es geht. Zum Beispiel um Tod: "Ich glaube, Tod bedeutet nicht einfach sterben. Ich glaube, Tod ist ein Verlust, der niemals wettgemacht werden kann, Worte, die niemals zurückgenommen werden können, Schaden, der nie wieder ganz behoben werden kann." Oder Liebe und Sex: "Irgendwo haben viele von uns vor Jahren die Verbindung zwischen Liebe und Sex zerbrochen. Und wenn sie erst einmal zerbrochen ist, kann sie nie wieder hergestellt werden." Das glaube ich auch.

Manchmal fängt der Autor sogar an, so etwas wie eine Geschichte zu erzählen. Dann kann es vorkommen, daß der Ich-Erzähler behauptet, er wäre ein Kleinkrimineller, der mit Steroiden handelt, oder ein Geschäftsmann. Aber darauf falle ich nicht herein. Es ist doch immer derselbe Douglas Coupland, der sich diese wirklich authentischen Gedanken über das Leben und das Älterwerden macht. Ich muß ihn mir immer als einen jungen Mann mit ganz großen runden Kulleraugen vorstellen und mit völlig zerzausten Haaren vom vielen Grübeln. Nicole würde diese Vorstellung bestimmt gefallen. Ihr und Klaus-Dieter kann ich "Life after God" nur empfehlen. Allen anderen hingegen eher nicht.