Manchmal werden Alarmsignale von anderen, lauteren Geräuschen einfach übertönt. Während westliche Vermittler am vorigen Wochenende in Rom mit den Präsidenten Bosniens, Kroatiens und Serbiens über Bezirksgrenzen in Mostar und die Verwaltung von Sarajevo stritten, blieb ein Putsch in der serbischen Hauptstadt nahezu unbemerkt: Der unabhängige Belgrader Fernsehsender Studio B ist gleichgeschaltet worden.

Slobodan Milosevic ist das Fernsehen lieb und teuer. Zu Beginn des jugoslawischen Krieges traf sich Serbiens Präsident fast täglich mit dem Direktor des staatlichen Senders RTV. Der Fernsehchef beherrschte die Kunst der Massenhypnose vorzüglich: Über die Mattscheibe flimmerten seichte Spielfilme ebenso wie frisierte Nachrichten und geklitterte historische Dokumentationen. Die Erinnerung an die furchtbaren Opfer des Zweiten Weltkrieges und die Warnung vor neuen schrecklichen Bedrohungen machte den Krieg vorstellbar. Als die Kämpfe dann 1991 ausbrachen, schienen sie vielen Serben unausweichlich, notwendig und gerecht zu sein. So wurde das Fernsehen zum propagandistischen Übungsfeld für den Krieg.

Auch Präsident Franjo Tudjman weiß um die Kraft der Bilder in der Wohnstube jedes Kroaten. Sein ehemaliger Fernsehchef hatte die rechte Einstellung: Antun Vrdoljak sah seine Arbeit als Teil seiner "Pflicht, das Vaterland im Kampf ums Überleben zu unterstützen . . . Ich denke, ich kann von mir sagen, daß ich meine Soldatenaufgabe erfüllt habe." Für Tudjman und seine treuen Offiziere ist das Fernsehen per se Regierungssache. Unabhängige Sender gibt es in Kroatien nicht. Wenn die lästige Beobachtung durch den Westen schon "freie Wahlen" erforderte, sollte der Bürger zumindest ideologische Anleitung erhalten.

So verfuhr grundsätzlich auch Slobodan Milosevic, der sich jedoch lange Zeit eine Lücke im ebenmäßigen Informationsteppich leistete: Im Belgrader Stadtgebiet belieferte der Lokalsender Studio B die Hauptstädter frei Haus mit unzensierten Nachrichten. Solange Milosevic in der Welt um Anerkennung und Aufhebung der Sanktionen rang, ertrug er die Beiträge unabhängiger Journalisten daheim. Doch jetzt, als gesuchter Gesprächspartner im Friedensprozeß, fühlt er sich stark genug, die Lücke zu schließen.

Schon im vergangenen Jahr hatten serbische Finanzbeamte vier Monate lang die Akten von Studio B durchforstet. Jetzt gingen die Juristen zum Sturmangriff über. Am 15. Februar erklärten serbische Gerichte zunächst die Privatisierung von 1991 für ungültig, dann strichen sie Studio B aus der Liste unabhängiger Sender. Die Stadt Belgrad berief einen neuen Chefredakteur, protestierende Redakteure wurden ohne Umschweife entlassen. Polizisten in Zivil sorgten in den Redaktionsräumen für einen reibungslosen Ablauf. Dem gestürzten Chefredakteur wurde bei seiner letzten Moderation der Ton abgedreht.

Der Belgrader Bürgermeister Nebojsa Covic hat die Umwandlung von Studio B in einen "modernen, urbanen, anständigen Sender mit leichten Programmänderungen" angekündigt. Was ein anständiger Sender ist, sahen die Zuschauer bereits in den Nachrichtensendungen des folgenden Tages: lange Berichte über die regierende Sozialistische Partei, kurze Erwähnung der Oppositionsparteien. Wie nützlich diese Gewichtung sein kann, wird sich bei den nächsten Wahlen zeigen, voraussichtlich schon Ende dieses Jahres.

Studio B war der einzige serbische Fernsehsender, der den Zuschauern ungefilterte Informationen über den Krieg bot. Die brutale Eroberung des muslimischen Srebrenica, die Massenflucht der Serben aus der Krajina und Westbosnien - im Staatsfernsehen verschwiegen, in den Nachrichten von Studio B zu sehen. Für die meisten Belgrader war der Sender das wichtigste glaubwürdige Medium.