Koloniale Herrschaft war ein zentrales Merkmal der Weltgeschichte zwischen 1500 und 1960. Der Hagener Historiker Jürgen Osterhammel hat den ambitionierten Versuch unternommen, auf wenigen Seiten diesem "Phänomen von kolossaler Uneindeutigkeit", wie er selbst einleitend das Thema seines Bändchens charakterisiert, beizukommen. Resultat ist eine an Prägnanz und Lesbarkeit schwer zu übertreffende Darstellung, die auch international ihresgleichen sucht.

Was ist "Kolonialismus"? Verglichen mit den lehrbuchmäßig kanonisierten "Imperialismustheorien", steht ein hinreichend trennscharfer historischer Begriff von "Kolonialismus" bisher noch aus. Der Autor definiert ihn zugespitzt als "eine Herrschaftsbeziehung zwischen Kollektiven, bei welcher die fundamentalen Entscheidungen über die Lebensführung der Kolonisierten durch eine kulturell andersartige und kaum anpassungswillige Minderheit von Kolonialherren unter vorrangiger Berücksichtigung externer Interessen getroffen und tatsächlich durchgesetzt werden. Damit verbinden sich in der Neuzeit in der Regel sendungsideologische Rechtfertigungsdoktrinen, die auf der Überzeugung der Kolonialherren von ihrer eigenen kulturellen Höherwertigkeit beruhen." Diese knappe Begriffsbestimmung in ihrem arg lexikographischen Duktus ist nicht der Weisheit letzter Schluß, bringt jedoch wesentliche Aspekte des Gegenstands auf den Punkt.

Dem Verfasser ist allgemein anzurechnen, daß er Schwierigkeiten und Grenzen von Periodisierungen, Systematisierungen und Definitionen einerseits klar benennt, sich andererseits aber nicht um entsprechende, in der Regel präzise formulierte Vorschläge drückt. So identifiziert er in den einleitenden Kapiteln unter anderem drei Haupttypen von Kolonien sowie sechs Perioden kolonialer Neubildungen. Das ermöglicht eine vorzügliche erste Orientierung hinsichtlich der Vielfalt der Kolonialismen und Ausprägungen der kolonialen Situation.

In weiteren Abschnitten schildert das Buch an Beispielen aus allen Imperien der Neuzeit Aspekte von Eroberung und Widerstand, die Methoden der Herrschaftssicherung und ökonomischen Ausbeutung, das Entstehen regional sehr unterschiedlicher kolonialer Gesellschaften, einige Spielarten kultureller Kolonisierung am Beispiel von Religion und Erziehung, die Grundzüge kolonialistischen Denkens, schließlich Ursachen und Verlauf der Dekolonisation. Dem Charakter einer Überblicksdarstellung angemessen, berücksichtigt der Autor in ausgewogener Weise sowohl die Kolonialpolitik der europäischen Mächte als auch die Handlungsspielräume der Kolonisierten.

Bei einem solchen Werk Auslassungen oder Verkürzungen zu beklagen mag beckmesserisch erscheinen. Trotzdem: Ich hätte mir zum Beispiel deutlichere Hinweise auf das in der Forschung seit langem kontrovers diskutierte Problem der "Erfindung von Traditionen und Ethnizität" gewünscht, die sich ja vor allem im kolonialen Kontext vollzog. Oder weiterführende Bemerkungen darüber, wie koloniale Herrschaft sich im Alltag konstituierte. Aber das sind lediglich marginale Einwände gegen ein Buch, dem man nur große Verbreitung wünschen kann.