Längst ist es in Deutschland selten geworden, daß jemand sich über Baulärm freut. In Füssen kann diese altmodische Kulturerscheinung derzeit bestaunt werden. Seit Ende November bohren schwere Maschinen ein Loch in ein Gebilde, das Norddeutsche einen Berg, Allgäuer aber einen Hügel nennen würden. Beim "Tunnelanstich" lud die Stadt zum Festakt. Ungestört durch Schnellstraßengegner, gab's Glühwein und Würstchen und Reden; das Blechbläserquartett der Füssener Harmonie spielte auf, als das Loch eine Patin erhielt. "Heike-Tunnel" heißt das Bauwerk nun. Der besondere Schutz der heiligen Barbara sei der Röhre gewiß, schrieb anderntags die Allgäuer Zeitung in ihrem Bericht über den "lang ersehnten" Baubeginn der Ortsumgehung.

Viele Füssener sind nämlich den gegenwärtigen Zustand leid. Wie eine bewegliche Wand zieht jeden Tag ein Autokorso von Ortseingang zu Ortsausgang: Der Fernverkehr schneidet die Stadt in zwei Hälften. Er kommt von Norden über die A 7, die vierzehn Kilometer vor Füssen endet, und will über den ersten Alpenkamm hinweg ins Inntal, von da meist nach Italien. Ruhe kann deshalb in Füssen erst einkehren, wenn die Ortsumfahrung durch den "Heike-Tunnel" eingeweiht und die A 7 bis dorthin verlängert ist.

Dann wird am Tunnelende ein kleines Grenzhäuschen stehen, denn dort beginnt Österreich. Und dort beginnt auch das Problem.

Nach all den schönen deutschen Autobahnkilometern geht es nämlich zweispurig weiter. Ein Zustand, der dringend Abhilfe durch Asphalt erfordert, findet Bayerns Finanzstaatssekretär Alfons Zeller, dessen Ehefrau Heike dem Grenztunnel als Namenspatronin dient. Dem Fernsehen hat der deutsche Politiker seine Straßenbaupläne auf österreichischem Territorium schon erläutert. Eine Autobahn müsse es ja nicht unbedingt sein, eine "verkehrsleistungsfähige Straße" aber doch. Also eine Autobahn, die nicht so heißt.

Nun fügt es sich aber, daß Österreich neue "hochrangige Transitachsen" über die Alpen hinweg ganz kategorisch ablehnt. Keine Frage ist zwischen Bludenz und Wien derart unumstritten. Schon heute ächzen die Österreicher unter der Last des Transitverkehrs wie niemand sonst in Europa. Die Anwohner entlang der Autobahn-Pässe über den Alpenhauptkamm fühlen sich regelrecht terrorisiert. Am Brenner etwa hat allein im ersten Halbjahr 1995 die Zahl der Transitfahrten im Vergleich zum Vorjahr um mehr als zwanzig Prozent zugenommen, der Ausstoß von Stickoxiden um dreißig Prozent. Den Brenner-Anwohnern kommt es so vor, als gebe es gar keinen Transit-Vertrag mit der Europäischen Union. Dem Fernverkehr Grenzen zu setzen vermöge er, entgegen allen Behauptungen, nicht. Deshalb jetzt die beinharte Haltung: keinen Quadratzentimeter Asphalt mehr für die Durchreisenden.

Tatsächlich ist aber mit dem Baubeginn am "Heike-Tunnel" die Entscheidung für eine neue alpenquerende Schnellstraße schon gefallen - die meisten Österreicher wissen es bloß noch nicht. Endet die deutsche A 7 erst an der Grenze, wird der Tunnel den gebündelten Schnellverkehr nach Österreich hineinspucken. Und statt der Füssener werden die Bewohner der Tiroler Nachbardörfer glauben, irgend jemand habe eine Mauer im Ort errichtet. Allen Grundsatzbeschlüssen zum Trotz dürften sich auch die österreichischen Politiker dem Druck ihrer lokalen Wähler künftig kaum entziehen können. Es gehört wenig Hellseherei dazu, eine Serie von Ortsumfahrungen, Ausbauten, Tunneln und Straßenbegradigungen für die unausweichliche Folge zu halten. Das wäre dann die "verkehrsleistungsfähige Straße", die dem Münchner Staatssekretär vorschwebt. Ein schöner Ersatz für die nicht durchsetzbare Autobahn Ulm-Mailand.

"Die Urgewalt der Verkehrszange" nennt Peter Haßlacher, Raumordnungsexperte beim Österreichischen Alpenverein, dieses Phänomen. Der andere Backen der Zange heißt Italien. Auch von dort nähert sich schon eine neue Transversale. Sie heißt Alemagna oder Autobahn Venedig-München, wurde offiziell schon vor Jahren zu Grabe getragen, ist aber als Alemagna light wieder auferstanden - in Form von Ausbauten und Umfahrungen. Bald steht sie kurz vor der österreichischen Grenze. Der Verkehr wird sich, dem Prinzip der kommunizierenden Röhren folgend, seinen Weg zur Inntal-Autobahn suchen; auch zum "Heike- Tunnel", und zwar so lange, bis Österreich der Blechkarawane eine breitere Asphaltrinne anbietet. Am Ende triumphiert der Sachzwang über die Politik. Nationale Souveränität ade.