Ist die Talfahrt der Zinsen beendet? Wird Geld jetzt wieder teurer? Der relativ starke Anstieg der deutschen Anleiherenditen sorgte ausgerechnet am Rosenmontag für lange Gesichter an den Wertpapiermärkten. Pessimisten sahen darin prompt das Zeichen für eine Trendwende. Das wäre freilich nicht zum Lachen. Denn steigende Zinsen würden die ohnehin vagen Hoffnungen auf ein stärkeres Wachstum der bundesdeutschen Wirtschaft wohl vollends zunichte machen.

Doch für eine Aschermittwochsstimmung besteht kein Anlaß. Das Renditehoch dürfte sich eher als vorübergehender Spuk denn als genereller Richtungswechsel an den Kapitalmärkten entpuppen. Ausgelöst wurde er durch Gerüchte über einen starken Anstieg der deutschen Geldmenge im Januar. Obwohl die Zahlen erst im Laufe dieser Woche veröffentlicht wurden, versuchten besonders voreilige Marktbeobachter - time is money - schon mögliche Konsequenzen zu antizipieren: Ein übermäßiges Geldmengenwachstum, so ihre Überlegung, werde die Bundesbank daran hindern, die Leitzinsen zu senken, und damit die allseits gehegten Erwartungen auf weitere Abschläge endgültig zerstören.

Dieser Schluß ist allerdings wenig überzeugend. Erstens sind die Geldmengenzahlen vom Januar nie sonderlich aussagekräftig. In diesem Jahr dürften sie schon deshalb ein äußerst verzerrtes Bild vermitteln, weil die Ausgangsbasis wegen des geringen Wachstums im vergangenen Jahr sehr niedrig liegt. Daraus abzuleiten, daß am Horizont neue Inflationsgefahren lauern, wäre deshalb ein kühnes Unterfangen. Zweitens hat die Bundesbank oft genug unter Beweis gestellt, daß sie die Entwicklung der Geldmenge nicht allzu ernst nimmt.

Die fundamentalen Daten sprechen jedenfalls für weiterhin niedrige Zinsen. Die Konjunktur läuft äußerst schwach, viele Prognosen wurden nach unten revidiert und rechnen nun für dieses Jahr nur noch mit einem mageren Wirtschaftswachstum von einem Prozent. Auch bei den Preisen deutet alles auf eine langsame Gangart hin. Denn die Unternehmen haben wegen der harten internationalen Konkurrenz kaum Chancen, ihre Produkte teurer zu verkaufen. Und da die Lohnerhöhungen für dieses Jahr weitgehend feststehen, dürften auch die Kosten nicht allzu stark steigen. Die internationale Entwicklung bietet ebenfalls keine Argumente für steigende Zinsen. In den Vereinigten Staaten köchelt die Konjunktur auf Sparflamme, und bei den europäischen Nachbarländern sieht es ohnehin düster aus.

Damit eröffnet sich der Bundesbank durchaus Spielraum für eine weitere Lockerung der Geldpolitik. Die meisten Auguren erwarten eine Entscheidung noch im ersten Halbjahr, zumal einige Mitglieder des Zentralbankrates entsprechende Schritte bereits angedeutet haben. Allerdings ist zu befürchten, daß die Mehrheit des Gremiums, wie es in der Vergangenheit häufig geschah, versuchen wird, den Beschluß so lange wie möglich hinauszuzögern - mit dem Hinweis, man dürfe sein Pulver nicht zu schnell verschießen, da eine weitere Zinssenkung auf den Märkten als vorläufig letzte interpretiert werden könnte und die langfristigen Sätze dann zu steigen begännen.

In der Tat spielen die Erwartungen der Akteure an den Kapitalmärkten eine nicht zu unterschätzende Rolle. Sie haben in der Vergangenheit oft dazu geführt, daß die Zinsen deutlich über das Niveau kletterten, das realwirtschaftlich eigentlich angemessen gewesen wäre. Doch wollte die Bundesbank all dies berücksichtigen, müßte sie mit Erwartungserwartungen operieren und würde sich damit ihrer eigenen Entscheidungsfreiheit begeben. Etwas Risiko müssen die Mitglieder des Zentralbankrates schon eingehen. Sie dürfen es nicht nur den von der Arbeitslosigkeit bedrohten Beschäftigten überlassen.