Turbulenter könnten die Zeiten nicht sein. Bürger und Unternehmen sind einem bis vor kurzem noch unvorstellbaren weltweiten Konkurrenzdruck ausgesetzt. Mehr als vier Millionen registrierte Arbeitslose sind das beängstigende Signal dieser Gesellschaftskrise. Der Glaube an die Berechenbarkeit der Zukunft und an immerwährenden Wohlstand ist erschüttert.

Deshalb soll manche Reform warten - auch die ökologische Steuerreform. Noch in ihrem gerade zwei Jahre alten Grundsatzprogramm versprach die CDU, dafür zu kämpfen; und fast penetrant suchten die Sozialdemokraten mit dem Projekt Profil zu gewinnen. Nun verabschiedete sich erst die Union von ihrem Bekenntnis, dann plädierte auch der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD, Gerhard Schröder, für Vertagen. Die Zeiten sind bewegt genug, da möchte wenigstens die politische Klasse Verläßlichkeit beweisen - und demonstriert Unbeweglichkeit.

Denn der Plan, als schädlich erkannte Zwangsabgaben zu senken und im Gegenzug den Naturverbrauch stärker zu besteuern, ist selbst im Urteil der Skeptiker nach wie vor grundsätzlich vernünftig. Aber ausgerechnet in der Wirtschaftskrise damit Ernst zu machen, halten sie für fahrlässig. Ihre Devise lautet: Durchstarten mit den alten Strukturen, damit in besseren Zeiten die Reformen angepackt werden können.

Dieses Denk- und Verhaltensmuster ist indes nicht unbekannt - allerdings mit den bekannten Resultaten. Ob es um Subventionsabbau geht, um die Entrümpelung der zu komplizierten Steuervorschriften oder um die Sanierung der Staatsfinanzen - stets wurden als Daueraufgaben erkannte Herausforderungen vertagt, weil die Umstände gerade nicht danach waren. Das Heimtückische daran ist nur: Passend sind die Umstände nie. In der Krise sind Strukturreformen nicht möglich, weil die Wirtschaft vor zusätzlichem Anpassungsdruck geschützt werden soll; rauchen aber die Schornsteine wieder, sind Reformen - mangels Handlungsdrucks - nicht nötig. Sollen also keine politischen Altlasten entstehen, gilt es, die Chancen zu erkennen, die jede Krise birgt.

Nichts liegt sogar näher. Denn zumindest der hausgemachte Grund für die Rekordarbeitslosigkeit sind die zu hohen Steuerlasten. Deshalb werden Jobs vertrieben - einerseits, weil Investieren anderswo lohnender ist, andererseits, weil ausgerechnet die Nachfrage nach Arbeitskräften auch noch mit Sozialabgaben bestraft wird, deren Aufkommen zu einem erheblichen Teil für versicherungsfremde Aufgaben mißbraucht wird. Die Steuer- und Abgabenlast zu senken ist deshalb das A und O der Beschäftigungspolitik. Nur wird die Entlastung so groß ausfallen müssen, daß selbst Zurückhaltung bei den Staatsausgaben nicht ausreicht, um die Einnahmeverluste zu kompensieren.

Bislang ist der Naturverbrauch als Quelle der Besteuerung bei weitem nicht ausgeschöpft. Seine relative Bedeutung bei der Beschaffung öffentlicher Einnahmen hat sogar in den vergangenen Dekaden abgenommen, obwohl das Wissen über die bedrohlichen Umweltgefahren gestiegen ist - geradezu eine heimliche antiökologische Steuerreform. Also steigt die Rationalität des Steuersystems, wenn Arbeitsplatzvernichtungsabgaben durch Abgaben auf den Naturverbrauch ersetzt werden - und unbeschadet davon gleichzeitig das Niveau der Gesamtbelastung sinkt.

Die Trampelpfade der Wirtschaftspolitik haben die Krise mit heraufbeschworen; sie führen nicht aus ihr heraus. Wenn Politiker der Bonner Volksparteien sich gegenseitig auf den Status quo einschwören, läßt das deshalb nichts Gutes hoffen: weder für die Arbeitslosen noch für die Umwelt.