Das Theater zeigt der Stadt eine kalte, graue Schulter. Es ist außerhalb der historischen Altstadt aufgepflanzt, falsch herum: Vorn, der breiten Ausfallstraße zu, findet sich der Bühneneingang, das Hauptportal öffnet sich rückwärts in eine kleine Seitenstraße. Ein wilhelminischer Klotz, anno 1914 errichtet von der freien Hanse- und Universitätsstadt Greifswald als praktischer Doppelbau, der Stadthalle und Theatersaal mit je 400 Plätzen unter einem Dach vereint. Die letzte Renovierung fand 1988 statt. Seither liegt gelbes Plasteparkett im Zuschauerraum aus, die Stadthalle ist stillgelegt und abgesperrt. "Ein schöner Raum", schwärmt der Musikchef, "früher, da haben wir da drin noch Konzerte und konzertante Opern gespielt. Da gab es hier auch noch ein Theatercafé!"

Ja, früher! Die Schauspielerin, resigniert: "Damals gehörte das Theater noch zum Leben der Leute dazu. Heute laufen wir ihnen mit ,Evita` nach." Die Landtagsabgeordnete, munter: "Wir müssen organisatorisch mehr Fürsorge tragen. Vielleicht können abends wieder Busse die Runde machen und die Bürger ins Theater abholen, so, wie das damals beim Anrechtssystem geklappt hat." Der Dramaturg, realistisch: "Abends ist hier alles tot. Man hockt zu Hause und hat andere Sorgen, die Arbeit, die Wohnung, die Raten . . . Neulich schrieb einer sogar, unsere Programmhefte seien ihm zu teuer!" Der Intendant, unbeirrt: "Das Herausführen aus unserer Krisenzeit ist eine Aufgabe, der sich besonders wir als Theaterleute stellen sollten."

Das Programmbuch der "Ersten Tage des Zeitgenössischen Musiktheaters des Theaters Vorpommern" liegt gratis aus im Foyer, auf dem großen weißen Vorsatzblatt steht, klein und kursiv, nur ein einziger hochherziger Satz zu lesen - das Motto, von Hegel: "Denn in der Kunst haben wir es mit keinem bloß angenehmen oder nützlichen Spielwerk, sondern mit einer Entfaltung der Wahrheit zu thun."

Und das geht so: Ein harter metallischer Forteschlag, und der Vorhang reißt auf, und ein blauer Mond scheint hinein in ein bleiches Ei. Die ganze Bühne, von oben bis unten, ist ein Ei im Querschnitt, riesig, zart und zerbrechlich, aus vergilbtem Papier erbaut. Zu weich wabernden Violinenwogen stolpern zwei alte Damen darin herum. Sie haben das Ei nicht mehr verlassen, seit sie junge Mädchen waren, es ist ihre Welt, ihr Alles, ihr Ich. Die beiden sind russische Emigrantinnen, ihr Zufluchtsort heißt, wie die Oper, wörtlich "Das Sonnenhaus", und eigentlich handelt es sich um eine vornehme Villa in Westfinnland, so sieht es das Libretto von Einojuhani Rautavaara jedenfalls vor. Aber bei der deutschen Erstaufführung seiner Oper, in diesem phantastischen Greifswalder Bühnenbild (Marcel Zaba), ist aus der Villa ein mondlichtdurchleuchtetes Ei geworden. Das kalte, stolze Klirren des Synthesizers spricht von schönen Visionen, das satte, minimalistisch orgelnde Orchester von der Falschheit der Gegenwart. Die Frauen (Ina Winkelmann und Doris Hädrich) leben im Traum, sie reden mit den lieben Toten und singen Duette mit ihren eigenen Doppelgängern. Spinnwebenartige Fetzen hängen von den gewölbten Wänden, die werden später transparent oder zur Projektionsfläche für Erinnerungen, und am Ende reißt die Schale ringsherum auf, die kleine heile Eier-Welt bricht in Stücke, in einem leisen Flageolett-Glissando verzischend. Ein Spiel über die endlose Frage, wie die Zeit vergeht. Ein Trauerspiel, zugegeben, nicht nützlich, doch angenehm.

Bei den Greifswalder "Tagen des Zeitgenössischen Musiktheaters" war die vorerst letzte Aufführung von Rautavaaras "Sonnenhaus" zu sehen. Vierzehn Aufführungen hätten es werden sollen, elf sind es geworden, fünfe drüben in Stralsund, nur sechse hier in Greifswald. Warum so geizig mit einer so glücklich gelungenen Produktion? Ganz einfach: Das Haus wird davon nicht voll. Wer geht heute schon gern in ein Stück, das er noch nicht kennt?

Die Garderobe kostet 90 Pfennig, eine Tasse Kaffee in der Pause 1 Mark, die Eintrittskarte zwischen 10 und 22 Mark - am Donnerstag ist Theatertag, da gibt es noch einmal Rabatt. Aber selbst wenn man hier künftig ganz und gar gratis Theater spielte, ließe sich das Wahre und Schöne um keinen Hauch leichter entfalten. Eine anständige Platzauslastung ist in Greifswald wie überall nur noch mit Musical oder Komödie zu erzielen. Vor zwei Jahren wurden, zwecks Kostendämpfung, die Stadttheater Greifswald und Stralsund zwangsweise zusammengelegt. Seither haben die vereinigten "Theater Vorpommern" einen gemeinsamen Spielplan, einen neuen Intendanten, außerdem ein verkleinertes Ensemble und ein geschrumpftes Orchester sowie die gemeinsame Sorge um Sparetat und Entlassungen. Trotz alledem gibt es hier aber neben der "Csárdásfürstin" oder "Amadeus" immer noch die "Präsidentinnen" von Werner Schwab zu sehen und seltene Opern wie Rautavaaras "Sonnenhaus" oder "Einstein" von Paul Dessau.

Mit "Einstein" wurde gar die laufende Spielzeit eröffnet, was einerseits die Opernkulinariker auf die Palme trieb und andererseits manch alten Genossen inner- und außerhalb des Ensembles grämte. Skandal! Es handelt sich bei dem Stück nämlich nicht nur um ein kompliziertes Endzeit-, sondern auch um ein Staats- und Lehrstück, das, 1974 uraufgeführt, nach der Wende zu den Akten gelegt schien, völlig veraltet, wie die Ostsee-Zeitung befand, nicht zuletzt wegen der "heute fernliegenden sozialistischen Alternativen". Von wegen DDR-Identität! An Lehrstücke solch lakonisch subversiver Art will hier niemand mehr gern erinnert werden. Schon gar nicht, wenn das Stück im Andenken an Hiroshima aktualisiert wird, und zwar so neunmalklug, wie es nur einem ganz jungen, engagierten Regisseur (Michael Sturm) verziehen werden kann.