Wer in diesen Tagen einen Blick in amerikanische Zeitungen wirft, mag sich wundern: "Polizei lädt E-Mail herunter, um Mordfall zu untersuchen", lautet ein Titel im San Francisco Chronicle. "Republikaner im Senat wollen die E-Mail des Weißen Hauses, um Hillary Clinton der Lüge zu überführen", meldet die Nachrichtenagentur Reuters. Und in der New York Times heißt es: "US-Soldaten in Bosnien erhalten E-Mail".

Die Häufung kommt nicht von ungefähr: E-Mail, zu deutsch elektronische Post, ist die beliebteste Anwendung in den Datennetzen. In den Vereinigten Staaten gehört sie längst zum Alltag. Je nach Schätzung haben bis zu vierzig Millionen Amerikaner bereits einen elektronischen Briefkasten. Tendenz: kräftig steigend.

Zeitersparnis ist der Hauptgrund für den großen Erfolg des neuen Mediums jenseits des Atlantiks: Über Datennetze wie das Internet lassen sich in Windeseile und für Pfennigbeträge Nachrichten, Bilder oder auch Software um den ganzen Erdball schicken. Und wer eine Mitteilung gleich an mehrere Adressaten übermitteln will, braucht nur einmal auf den Sendeknopf zu klicken.

Davon profitierte kürzlich Michael Spindler, der ehemalige Chef des Computerkonzerns Apple. Als er Anfang Februar seinen Hut nehmen mußte, verschickte er per elektronischer Hauspost eine Abschiedsbotschaft an alle 14 500 Apple-Mitarbeiter weltweit. Ohne E-Mail wäre das Testament wohl kaum überall rechtzeitig angekommen: Spindler hatte nur zwei Tage Zeit, sein Büro zu räumen.

Bei einfachen Mitteilungen ist E-Mail sogar schneller als das Telephon: Sie kommt an, auch wenn der Empfänger nicht anwesend ist. "Nur jeder vierte Anruf erreicht die gewünschte Person. Die Zeitkosten für ein erfolgreiches Telephonat betragen daher im Schnitt 20 Minuten - gegenüber 4,7 Minuten für eine elektronische Mitteilung", schreibt der schwedische Informatikprofessor Jacob Palme in seinem Buch "Elektronische Post".

Gerade Unternehmen profitieren von den neuen Möglichkeiten. Mitglieder eines Projektteams etwa können sich nun zu elektronischen Konferenzen zusammenschalten: Sie schicken ihre Diskussionsbeiträge an einen Netzcomputer, der sie dann automatisch an die anderen Teilnehmer weiterleitet, auch wenn die vielleicht über die ganze Welt verstreut sind.

Wie hilfreich das sein kann, erfuhr Ende der achtziger Jahre ein Mitarbeiter des amerikanischen Rechnerproduzenten Tandem: Die Installation eines Computernetzes drohte an einem technischen Hindernis zu scheitern. So schickte er einen elektronischen Hilferuf an alle Experten des Unternehmens. Kurze Zeit später kamen die ersten Antworten, binnen 24 Stunden war das Problem gelöst.