Im Frühjahr 1993 richtete das Ehepaar Ruza und Janicije N. die Hochzeit des unehelichen Sohnes von Janicije N. aus. Eine wunderbare Hochzeit sollte es werden. Ein geräumiges Restaurant war bereits angemietet, doch das Wichtigste fehlte noch: eine fünfzehnstöckige Hochzeitstorte, die hatte sich der junge Bräutigam nämlich sehnlichst gewünscht.

Mit dem Photo solch einer Prunktorte in der Hand machte sich das Paar auf den Weg in das Café des Konditormeisters P., einer Kapazität auf dem Gebiet gigantischer Cremetorten. Bei Kaffee und Kuchen wurde man sich einig, 4400 Mark sollte das Naschwerk kosten. Fünfhundert Mark erhielt der Bäcker sofort, der Restbetrag sollte bei Lieferung bezahlt werden.

Die Hochzeitstorte wurde gebracht und verzehrt, aber Geld hat der Konditor bis heute nicht bekommen. Nun ist das Ehepaar N. wegen Betruges im Amtsgericht Hamburg Wandsbek angeklagt.

Herrn N. ziert ein gewichtiger Schnurrbart, die schwarz glänzenden Haare des Mittdreißigers sind stramm zurückgekämmt. Ein rotes Flauschsakko sorgt für die elegante Note. Seine Ehefrau hingegen trägt einen verspeckten Mantel im violetten Brokatdruck, ein hellblaues Frotteeband bändigt mühsam die Lockenpracht. - Warum es nicht zur Bezahlung der Torte gekommen sei, will der Richter sogleich wissen. "Ja, da schauen Sie mal, Herr Richter", hebt Janicije N. an. Gezahlt werden sollte bei Lieferung, nicht wahr. Aber sie seien noch nicht im Restaurant gewesen, als die "schöne Torte" gebracht wurde. Am nächsten Tag wollten sie dann bezahlen. Aber da sei ein "Unglück auf uns gekommen", jammert Herr N. voller Überzeugung.

Mit einer anderen Großfamilie, ebenfalls aus dem ehemaligen Jugoslawien stammend, habe man seinerzeit das Restaurant "Seeterrassen" für die Festlichkeiten gemietet. Am Tag vor der Hochzeit hätten seine Freunde dort eine Taufe gefeiert, wenig später, so Herr N., seien auf einmal alle Rohre verstopft gewesen, der ganze Keller unter Wasser. "Eine schöne Schweinerei." Der Besitzer sei "sehr, sehr zornig" geworden und habe sich geweigert, "unsere Leute" in die "Seeterrassen" hineinzulassen. Janicije N. habe sofort 6000 Mark zusätzlich bezahlen müssen, für den Schaden. Geld, das für die Torte gedacht war. Herr N. breitet bedauernd die Hände aus. "Durch diese Katastrophe hatte ich nichts mehr, um den Herrn Konditor zu bezahlen."

Im Jahr 1993 lebte Herr N. von der Sozialhilfe. Wo er das Geld her hatte, ist rasch erklärt. Das sei bei ihnen in der "Sippe" eine ganz "andere Sitte" als bei den Deutschen, erklärt der Angeklagte. Die Großeltern müßten bei einem unehelichen Kind die Hochzeit bezahlen, so sei es auch hier gewesen.

Konditormeister P. hat noch monatelang versucht, sein Geld zu bekommen. Herr N. ließ sich am Telephon verleugnen, auch Hausbesuche führten zu keinem Ergebnis. Herr P. weiß, daß auch der Wirt der "Seeterrassen" recht "ungehalten" wegen der Mieter war. Nicht nur die Toiletten, auch die Küche soll von der ungestümen Großfamilie verwüstet worden sein. Der Besitzer des Restaurants hatte immerhin 15 000 Mark Kaution einbehalten, und diese Summe soll nicht für den Schaden ausgereicht haben.