Nun, da der Koloß nicht länger auf tönernen Füßen steht, verlangt er, daß man ihm mit dem gebührenden Respekt begegnen möge. Das Selbstbewußtsein der Volksrepublik China schlägt heute, nach anderthalb Jahrzehnten schwindelerregenden Wirtschaftswachstums, in Arroganz und Anmaßung um. Ob der amerikanische Präsident mit einem markigen, bald wieder zurückgenommenen, Handelsjunktim (Meistbegünstigung nur bei Wahrung der Menschenrechte!) der Führung in Peking das Messer auf die Brust setzt oder ob der deutsche Kanzler ihr mit einem einfältigen Armeebesuch um den Bart streicht - Eindruck schinden die Staatsmänner des Westens so oder so nicht. Auf Angriffe wie auf Anbiederungen reagiert China mit der Gönnermiene dessen, der gelernt hat, daß am Ende die Gier nach dem Milliardenmarkt bei Freund und Feind das außenpolitische Kalkül bestimmt. Schon sieht man im japanischen Außenministerium beim auftrumpfenden Nachbarn eine "Reich-der-Mitte-Mentalität" wiederkehren.

Hinter dem chinesischen Nationalismus, der heute den Kommunismus als Leitideologie klammheimlich abgelöst hat, verbarg sich in der Vergangenheit freilich oft verletzter Stolz. Jonathan Spence beschreibt in seinem Monumentalwerk, das fünf Jahre nach Erscheinen der amerikanischen Originalausgabe nun auch in deutscher Übersetzung vorliegt, die zahllosen Demütigungen, die China auf seinem "Weg in die Moderne" erfahren hat. In den 400 Jahren seit dem Niedergang der Ming-Dynastie, auf die Spence zurückblickt, war der Westen immer der überlegene Antipode. Seiner Wissenschaft und Technik, seiner Wirtschaftskraft und seiner militärischen Stärke hatte das Kaiserreich wenig entgegenzusetzen. Vergeblich stemmte sich der Hof der Qing gegen die Öffnung des Landes. Spence zitiert das berühmte Edikt des Kaisers Qianlong (1711 bis 1799), der im Jahr 1793 Lord Macartney, den Abgesandten des englischen Königs Georg III., in aller Form abblitzen ließ: "Wir haben raffinierte Artikel nie geschätzt, noch haben wir den geringsten Bedarf an den Erzeugnissen Eures Landes."

Was der Kaiserhof den Fremden lange verwehrte, nahmen sich die imperialistischen Mächte im 19. Jahrhundert mit Gewalt. Ihren Kriegsschiffen und Expeditionskorps folgten die Kaufleute und die Missionare. Seit der Niederlage Chinas im Opiumkrieg (1839-1842) erzwangen die Europäer Handelsrechte und Niederlassungsfreiheit in den wichtigsten Küstenstädten und würdigten China zu einer Halbkolonie herab. Aus Sicht Pekings wird dieses unrühmliche Kapitel erst dann endgültig abgeschlossen sein, wenn die Briten 1997 Hongkong und die Portugiesen 1999 Macao verlassen haben.

Für die chinesischen Modernisierer, die Ende des 19. Jahrhunderts gegen die in Orthodoxie erstarrte Mandschu-Herrschaft aufbegehrten, war der Westen Widersacher und Vorbild zugleich. Jene konfuzianischen Gelehrten, die an der Spitze der Reformbewegung von 1898 standen, glaubten die angestrebte "Selbststärkung" des Landes durch die Verbindung von chinesischem "Wesen" mit den "nützlichen Ideen" des Westens erreichen zu können. Ti-yong lautete die magische Formel: "Chinas Lehren sollen als innere Substanz, die Lehren des Westens dagegen zu praktischen Zwecken dienen." Der Sturz der Dynastie nur ein gutes Jahrzehnt später (1911) enthüllte, wie illusionär dieses Denken war. Das Kaiserreich war längst im Kern verrottet, reif für die Revolution. Die zaghaften Reformen vermochten das Ende nur für eine kurze Frist hinauszuzögern.

Aber noch heute glauben Chinas Führer, "Substanz" und "praktischer Nutzen" ließen sich voneinander trennen. Jonathan Spence weist darauf hin, daß dieser Irrtum auch der zynischen Rechtfertigung Deng Xiaopings für die blutige Niederwerfung des Studentenprotestes 1989 zugrunde lag. "Durch hartnäckiges Beharren auf der Vorstellung, wirtschaftliche Reformen ließen sich säuberlich von den ungeheuer komplexen sozialen und kulturellen Auswirkungen, die sie nach sich zogen, trennen, drohten Deng, die Parteioberen und die jüngeren Politiker aus ihrer Clique die Staatsführung erneut auf den Trugschluß des 19. Jahrhunderts festzulegen, China könne sich der modernen Welt zu seinen eigenen Bedingungen und ohne auch nur einen Deut seiner ideologischen Reinheit zu opfern, anschließen."

Revolte und Unterdrückung - stets ging es in der Auseinandersetzung zwischen Herrschenden und Chinas Dissidenten auch darum, wie das Land seinen Platz in der modernen Welt finden könne. Ob in der Vierten-Mai-Bewegung von 1919, die, in den Worten von Spence, "dem chinesischen Volk durch das Nebeneinander von Nationalismus und kultureller Selbsterforschung eine neue Richtung wies", ob in der von Mao Tse-tung erst angefachten, dann rasch wieder ausgetretenen "Hundert Blumen"-Kampagne (1957), ob auf den Wandzeitungen an der "Mauer der Demokratie" (1978-79) oder bei den Studentendemonstrationen 1989: Für Chinas Intellektuelle war der Kampf für die Rechte des einzelnen immer au ch ein Aufbegehren gegen die Schmach der chinesischen Nation. Bis heute leiden sie an ihrem Land, seiner Armut, seiner Härte. Und gegen jede ausländische Anmaßung - und, so scheint es, auch gegen manch nagenden Selbstzweifel - verteidigen sie Chinas reiche Kultur mit unbändigem Patriotismus.

Jonathan Spence, Professor an der Universität Yale, hat es meisterlich verstanden, Ideengeschichte, Machtpolitik, soziale Wirklichkeit und Geistesleben zu einem packenden historischen Panorama zusammenzufügen.