Bedrückend und beglückend zugleich - so müssen die Gründer der ZEIT ihre Lage empfunden haben, als sie sich vor fünfzig Jahren ans Werk machten. Zwölf Jahre der Nazidiktatur, sechs Jahre eines verbrecherischen Krieges lagen hinter ihnen. Die frühen Schritte des deutschen Volkes aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit begleiteten sie mit den ebenso verzagten wie heroischen, den pathetischen wie ernüchterten Sätzen der ersten Ausgabe vom 21. Februar 1946: "Wie eine Mauer von Finsternis und Verzweiflung steht die Zukunft vor uns. Wir können nur hoffen, ein kleines Licht anzuzünden, um die Pfade zu beleuchten, auf die wir in den nächsten Wochen und Monaten tastend unseren Fuß setzen müssen."

Die fünfzig Jahre, die seitdem vergangen sind, umspannen eine geschichtsträchtige Epoche: von den Anfängen des Kalten Krieges zum Zusammenbruch des kommunistischen Reiches, vom Wettrüsten zum Abrüsten, von der Teilung der Nation zu ihrer zweiten Einigung, vom Aufbau einer staunenswerten Wohlfahrtsökonomie zur Vorbereitung des Umbaus inmitten einer krisenhaften Herausforderung, von der Restauration der bürgerlichen Gesellschaft zu ihrer Reform.

Fünfzig Jahre, das bedeutet auch: Nie zuvor hat der deutsche Nationalstaat so lange im Frieden mit seinen Nachbarn gelebt - wenn auch vier Jahrzehnte lang zerrissen zwischen Europas Westen und Osten. Nun schickt er sich an, zur Mitte und zum Motor eines in all seinen Teilen geeinten Europas zu werden. Eines Europas freilich, das den Krieg auf dem eigenen Kontinent wieder kennengelernt hat.

Wie sich die ZEIT im zurückliegenden halben Jahrhundert geschlagen und gehalten hat, darüber mögen andere urteilen. Doch am Vorbild der Gründer, an ihren journalistischen Maßstäben und ihrer persönlichen Haltung müssen sich alle prüfen, die heute und in Zukunft die ZEIT gestalten wollen. Was heißt das: Journalismus in unseren Zeiten?

Wer an die Gründerphase zurückdenkt, dem muß die Entwicklung des Landes wie die seiner besseren Zeitungen als eine unerhörte Erfolgsgeschichte erscheinen. Tritt nicht die heutige Generation ein sicheres Erbe an - ohne daß sie in existentiellen Krisen gehärtet wurde? Wird sie je vor ähnliche Herausforderungen gestellt werden wie ihre Vorgänger - und wird sie ihnen dann gewachsen sein? Doch die Vorstellung einer komfortabel möblierten Republik war keinesfalls das Trugbild eines flüchtigen Augenblicks. Die Wirklichkeit sieht längst anders aus. Die Journalisten haben es heute zwar in manchem einfacher - doch der ernsthafte Journalismus hat es in vielem schwerer.

Die neue Unübersichtlichkeit, von Jürgen Habermas Mitte der achtziger Jahre beschrieben, ist nach der Wende von 1989 endgültig zum Grundmuster aller Politik geworden. Ein Glück, daß die gefährliche und alles bestimmende Ost-West-Konfrontation gewichen ist, daß die schlichte Einteilung der Welt in Freund und Feind, in Gut und Böse überwunden wurde. Doch zugleich sind uns die bequemen Krücken der Erkenntnis abhanden gekommen. Was heißt denn heute noch links oder rechts, konservativ oder fortschrittlich, modern oder postmodern?

Der simplen Ordnung der Mächte und Ideen ist keine neue Weltordnung gefolgt. Politik erscheint weithin als Quadratur des Kreises. Wie kann das atlantische Bündnis mehr Sicherheit für mehr Staaten gewährleisten, ohne neue Konfrontationen zu schaffen? Wie läßt sich Europa erweitern, ohne es zu verwässern? Wie wären die Nationalstaaten zu überwinden, ohne neue nationalistische Gegenbewegungen zu provozieren? Wie läßt sich künftig wirtschaften, ohne die Lebensgrundlagen kommender Generationen zu verspielen?