Wenn jemand wie Henry Kissinger derart Lobendes von sich gibt wie: "Ich glaube, daß sich Indien zu einer großen regionalen Macht, ja zu einer Weltmacht entwickelt", dann kann er sicher sein, daß er damit indische Schlagzeilen macht. Doch der amerikanische Exaußenminister steht mit seiner Meinung beileibe nicht allein da. Wer jetzt nach Delhi, Bombay oder in die High-Tech-Metropole Bangalore kommt, erkennt das alte Indien nicht mehr wieder. Schicke Modegeschäfte, in denen alles angeboten wird, was westlich und teuer ist - Cardin, Benetton, Gucci; jede Menge elektronische Geräte, die früher nur schwarz zu haben waren; Schönheitssalons für Männer, Club-Méd-Offerten für das neue Phänomen Urlaub und an den Kiosken Schöner wohnen und essen & trinken auf indisch. Auf den Straßen rollen ausländische Karossen bis hin zum Mercedes 220 E für zwei Millionen Rupien - das entspricht rund 100 000 Mark oder soviel, wie kaum ein Inder sein ganzes Leben lang verdient.

Die Elite der indischen Industrie sieht, wie auch der Finanzminister, das Land bereits in wenigen Jahren auf Platz drei der Volkswirtschaften - nach den USA und Japan und noch vor Deutschland. Seit Premierminister P. V. Narasimha Rao 1991 seinem Finanzminister Manmohan Singh grünes Licht gab, die Fesseln des geheiligten Nehru-Sozialismus zu kappen und mit geradezu revolutionären Reformen die freie Marktwirtschaft einzuführen, scheinen alle Weichen für das Wirtschaftswunder gestellt.

Doch das Wunder läßt mancherorten auf sich warten. Wer sich in einen der landestypischen verbeulten, verkehrsuntüchtigen Busse quetscht, der befindet sich schon sehr schnell wieder im alten Indien, im Mittelalter. Dort hat zwar die Satellitenschüssel die bisher streng abgeschirmte Außenwelt in die Hütten gebracht und neue Begehrlichkeiten geweckt, aber die Botschaft von der neuen Liberalisierungspolitik und ihren Möglichkeiten ist bisher nur in wenige der 600 000 Dörfer Indiens gedrungen. Hier, wo dreiviertel der 950 Millionen Inder zu Hause sind, wo die Glühbirne am Abend mit nicht mehr als fünf Watt funzelt, wo es kein sauberes Trinkwasser gibt, wo medizinische Versorgung fehlt und wo Schulunterricht nur dann stattfindet, wenn die überforderten Lehrer nicht gerade einem anderen Broterwerb nachgehen, da werden alle hochgesteckten Ziele in Frage gestellt: Läßt sich eine Supermacht Indien vorstellen mit 500 Millionen Unterernährten, mit 500 Millionen Analphabeten, mit 25 000 Kin dern, die jeden Tag sterben, ein Land, das nach wie vor fast vollständig von der Gnade des Monsunregens abhängig ist?

Der Weg ins gelobte Wirtschaftswunderland ist noch lang und holprig - die Geschichte von Kentucky Fried Chicken zeigt exemplarisch, wie unsicher Indien sich selbst gegenüber und gegenüber