Eine Zukunft hat Miranda del Castanar schon lange nicht mehr. Wann die Kirchturmuhr ihr letztes Stündlein geschlagen hat, daran erinnert sich keiner. Irgendwann einmal ist sie eben stehengeblieben, gegen halb eins. Seitdem zersetzt der Rost der festgefahrenen Zeiger das alte Gemäuer, aus dessen Fugen das Unkraut sprießt. Ganze Büschel haben vom Turm Besitz ergriffen, der, eine regionale architektonische Eigenart, vom Kirchenschiff getrennt am anderen Ende des Hauptplatzes steht. Der wiederum deutet an, daß die Zeitläufte hier bereits vor langem ins Stocken geraten sind. Plaza de Franco heißt der Platz nach wie vor, doch das ist mehr als zwanzig Jahre nach dem Tod des Diktators keine politische Botschaft mehr. Es fehlte nur die Kraft, die Tafel abzumontieren. Denn die paar Menschen, die hier noch wohnen, waren schon damals nicht mehr jung. Und so blieb alles, wie es einmal war: Auch Antonio Primo de Rivera, der von den Republikanern erschossene Gründer der faschistischen Falange, und General Mola, ein Verbündeter des Generalisimo beim Militärputsch von 1936, sind noch immer in ihren eigenen Gäßchen verewigt.

Der Kontrast trifft wie eine Faust. Kastiliens leere Dörfer und stumme Städte liegen keine halbe Autostunde von Salamanca entfernt, der Universitätsstadt mit ihrer befreienden Heiterkeit. Sie gibt sich freigeistig, elegant, mitunter schick, dank der vielen Sprachinstitute sogar international. Salamanca hat den Sprung über die Pyrenäen geschafft, gehört längst zu Europa, doch das Land ringsum ist zäh und ernst, wie es immer war, und hilflos dem Zeitgeist gegenüber. Denn die Menschen haben keine Lust mehr, sich dem strengen Diktat der Erde zu beugen, die sich für die jahrhundertelange Ausbeutung rächt. Ganze Wälder wurden abgeholzt, bis nur noch verdorrte Böden übrigblieben. Die meisten Bewohner zerbrachen daran und zogen fort.

Miranda del Castanar, ein großer Bergflecken oder ein kleines Städtchen, ganz wie man will, liegt in der Sierra de Francia, im Grenzbereich zwischen Portugal und der Extremadura. Auf einer Anhöhe, treffenderweise castanar, Kastanienhain, genannt, dümpelt es dahin wie ein an den rauhen Klippen der Wirklichkeit zerschelltes Traumschiff, eingezwängt zwischen den Flüssen Alagón und Francia, die jahrhundertelang natürlichen Schutz boten. Seit dem 12. Jahrhundert war Miranda del Castanar ein soziales Ballungszentrum der Sierra de Francia, ein regionaler Fixstern.

Vor dem steinernen Stadttor aus dem 15. Jahrhundert, der Puerta San Ginés, dämmert ein unregelmäßiger Platz im staubigen Sonnenlicht. Einstmals ging es hier mitunter hoch her, damals, als die Plaza an Markttagen noch als Stierkampfarena herhalten mußte. Kleine versteckte Nischen, eingehämmert in die Häuser und die Reste einer Festung, dienten den Provinztoreros als Schlupfwinkel vor allzu rasenden Tieren, die ihrerseits wütend die Hörner in den Verputz bohrten.

Die alten Fachwerkhäuser mit ihren von hölzernen Balken durchzogenen Wohnräumen, Speichern und Ställen werden schleichende Beute des Verfalls. Die Erosion leistet ganze Arbeit. Provisorisch gestützt, wehren sich manche noch gegen den drohenden Einsturz. Über den niederen, in Stein gefaßten Eingängen prunken trotzig die Jahreszahlen ihrer Errichtung: 1756, 1788, 1776, die meisten Häuser datieren aus dem 18. Jahrhundert. Längst sind sie leer und entseelt, und in ihrem Innersten wohnt die Gewißheit, daß diese Einsamkeit ewig dauern wird.

Es kommt niemand mehr, um die Tür aufzuschließen, das Licht anzumachen, um die Räume zu neuem Leben zu erwecken. Einzig in Spuren ist das Leben, zu dessen Schutz die Mauern errichtet wurden, in diesem Häuserfriedhof noch erkennbar. Wer näher hinsieht, entdeckt vielleicht da eine alte Küchenwaage, die samt der ehernen Gewichte verrottet, dort einen Ring, an dem der Haushund angekettet war, oder einen hölzernen Gitterstab, der einmal zu einem Kinderbett gehört hat. Aber nichts rührt sich, es regieren Schatten und Stille.

Eine der Ruinen ziert ein steinernes Malteserkreuz, ein heraldischer Bote, der kundtut, daß hier einmal ein Kreuzritter zu Hause war. Weiter unten, beim Dorfeingang, prunkt das Lilienwappen über einer Haustür. Davor sitzt Matias del Pozo. Die müden Hände auf einen knorrigen Gehstock gestützt, die Füße in abgetragenen alpargatas, leichten Hanflatschen, verpackt. Vertrauensselig erzählt er, daß in seinen Kindertagen der cacique dieses Haus bewohnt habe, der Dorfoberste. Damals, als es in Miranda del Castanar noch keinen Bürgermeister gab, vielmehr die Anzahl der Schafe und die Herkunft unbestechliches Meßinstrument der dörflichen Hackordnung waren. Die ist längst bedeutungslos geworden. Wer strebt schon Macht an in einem Ort, in dem gerade ein paar Menschen ausharren, deren Altersschnitt zudem von Mitte Siebzig aufwärts liegt?