Wo auch immer Silvia Lüdtke und Anja Gottschalk auftauchen, sie werden angestarrt wie Claudia Schiffer und Nadja Auermann. Doch keine Robe aus Organza und Seide veranlaßt die Menschen, stehenzubleiben: Schlichte Arbeitskleidung tut dieselbe Wirkung. Zünftig - ihrer Zunft entsprechend - sind beide Frauen gekleidet. Sie tragen Schwarz, das ist die Farbe der Holzwerker: Die klassische Manchesterhose fällt mit weitem Schlag über die groben Schuhe, unter der halblangen, dicken Cordjacke lugt eine Weste mit Silberknöpfen hervor. Die Staude, ein kragenloses weißes Hemd, wirkt bei Silvia mit angedeuteter Spitzenrüsche fast übertrieben feminin. Die graue Krawatte schließlich gilt als Zeichen für Rechtschaffenheit der Trägerinnen. Komplettiert wird das Bild durch kleine Cordzylinder, für die sich die beiden statt für Schlapphüte entschieden haben.

Anja Gottschalk aus Hannover und Silvia Lüdtke aus einem kleinen Ort im Wendland sind als fremdgeschriebene Gesellinnen nach den Lehrjahren auf Wanderschaft gegangen. Silvia, die Wortkarge, ist schon durch halb Europa gezogen. Anja, groß und schlaksig, mit dunklen Augenringen im blassen Gesicht, ist erst seit ein paar Monaten auf der Walz. Leichter habe sie sich das Ganze vorgestellt, doch gleich zu Beginn sei sie von einer verdammten Grippe erwischt worden, und das Erholen auf der Straße, sie hustet zum Nachdruck, sei nicht gerade leicht.

Getippelt wird in jedem Ort erst einmal zur Handwerkskammer. So auch in Köln. Die meisten Handwerksmeister, erklärt der Innungschef, seien Reisegesellen und -gesellinnen wohlgesinnt. Ein Stempel wird ins reichverzierte Wanderbuch gedrückt, der "Zehnpfennig", ein paar Mark Reiseunterstützung, bessert die knappen Finanzen der beiden auf.

Im Rathaus von Köln hat der Herr Oberbürgermeister zwar leider keine Zeit, läßt aber eine bunte Grußkarte mit lachendem Konterfei überreichen. In Hamburg sei es da ganz anders gewesen, erinnert Silvia sich. Da sei gleich der Bürgermeister gekommen und habe sie begrüßt. Schließlich läuft einem eine reisende Gesellin nicht alle Tage über den Weg. Nach Schätzungen der Handwerkskammer Nürnberg sind es etwa 350 Gesellen und Gesellinnen, die es in die Ferne zieht. 3000 sogenannte Ehemalige sollen in den sechs deutschen Standesvereinigungen organisiert sein.

Nach dem Besuch im Rathaus drängt es die beiden Frauen noch zum Denkmal des Adolf Kolping. Das monotone Klackklack des Stenzes begleitet sie, eines bizarr geschwungenen Wanderstabs, der über die gesamte Zeit zu ihnen halten soll und auch in kritischen Momenten den nötigen Respekt verschafft. Denn Wanderschaft, das heißt Leben auf der Straße. Das Gepäck von Silvia und Anja wiegt weniger, als die meisten Reisenden für einen Wochenendtrip mit sich herumschleppen.

Der Charlottenburger, ein buntes Tuch, das an einer Kordel über der Schulter baumelt, birgt nur das wirklich Nötigste.

Silvia ist gelernte Zimmerin. Anja hat Abitur, im Anschluß dann eine Tischlerausbildung absolviert und will nach der Wanderschaft Architektur studieren. Drei Jahre und einen Tag, so verlangt es die Sitte, müssen Reisende unterwegs sein, die Bannmeile von fünfzig Kilometern um den eigenen Heimatort ist während dieser Zeit tabu. Die beiden nehmen es gelassen. Die Riten der Wanderschaft lassen Raum für Tricks. Wenn Silvia beispielsweise das Heimweh allzusehr plagte, traf sie sich eben in der Nähe von zu Hause mit Freunden. Anja dagegen schmunzelt, das sei endlich ein Grund, den ihre Mutter Weihnachten akzeptieren müsse.