Endlich war es soweit. Unter den Augen von Hunderten von Schaulustigen, Photographen und Journalisten bestieg Jochen Hasenmayer am vergangenen Sonntag sein Mini-U-Boot. Zunächst drehte der 54jährige Taucher einige publikumswirksame Runden über Wasser. Dann verschwand er in den blaugrün schillernden Tiefen des sagenumwobenen Blautopfs. Damit war der gelähmte Höhlenexperte zu seinem wohl größten Abenteuer gestartet - und läutete zugleich eine neue Runde im Kampf gegen die Wissenschaft ein. Seit Jahren streitet er mit den Fachleuten über das Alter des dort unten verborgenen Höhlensystems. Geht es nach Hasenmayer, so schlummert in den Tiefen der Erde ein urzeitliches Heißwasserreservoir gigantischen Ausmaßes. Geht es nach den amtlichen Geologen, so ist das pure Spinnerei.

Doch in den unterirdischen Flußläufen der Blautopfhöhle geht es nicht nur um den Kampf eines unerschrockenen David gegen den wissenschaftlichen Goliath. Jochen Hasenmayer demonstriert auch den Sieg des Willens über ein körperliches Handicap. Der Schwabe ist seit 1989 gelähmt - und wagt dennoch einen Vorstoß, vor dem selbst viele gesunde Taucher zurückschrecken.

Denn der Blautopf hat es in sich. Zwar erscheint der 22 Meter tiefe, trichterförmige See oft fast überirdisch schön, "von Farbe ganz blau, sehr herrlich und mit Worten nicht wohl zu beschreiben", wie ihn der Dichter Eduard Mörike schilderte. Doch in seiner Tiefe wohnt der Sage nach "die schöne Lau", eine verzauberte Nixe, die unvorsichtige Mannsbilder in die Tiefe lockt. Tatsächlich ist der Blautopf der Ausfluß eines kilometerlangen Gewirrs von Höhlengängen. Wer dort hineintaucht, wirbelt schnell so viel Schlamm vom Höhlenboden auf, daß aus dem reinen Wasser der Blau eine undurchdringliche trübe Brühe wird. 1983 fanden zwei Taucher in den dunklen Wassern den Tod - sie hatten die Orientierung verloren und waren in Panik geraten.

In letzter Zeit war der Blautopf daher für Sporttaucher gesperrt - nur für "wissenschaftliche Zwecke" erteilt der Blaubeurer Gemeinderat eine Ausnahmegenehmigung, die vor allem Jochen Hasenmayer zugute kommt. Der Höhlenforscher aus Pforzheim kennt die Blautopfhöhle wie kein anderer. 1985 war der Weltklassetaucher in einer neunstündigen Expedition 1250 Meter weit unter die Erde vorgedrungen und hatte eine riesige Tropfsteinhalle entdeckt - den Mörike-Dom, wie er das unterirdische Gewölbe taufte.

Diese Entdeckung war für den Speläologen der Beweis dafür, daß sich - entgegen den Verlautbarungen des Geologischen Landesamtes - unter der Alb ein riesiges Flußhöhlensystem erstreckt, das bis unter das Alpenvorland reicht (siehe Skizze). Da die Temperatur im Erdinneren um etwa dreißig Grad pro Kilometer Tiefe zunimmt, schloß Hasenmayer auf ein gewaltiges Heißwasserreservoir. "Auf 400 Kilometer Länge und bis zu 120 Kilometer Breite muß sich unter dem Alpenvorland die größte Energieressource Süddeutschlands erstrecken", schrieb er und berechnete eine verfügbare Dauerleistung von 300 000 Megawatt.

Im Freiburger Geologischen Landesamt zeigte man sich wenig beeindruckt von dieser sagenhaften Energiequelle. In einer Anhörung vor dem Stuttgarter Landtag 1986 verglich der Hydrogeologe Jörg Werner zwar Hasenmayers Leistung mit der "Erstbesteigung des Nanga Parbat" - seine Höhlentheorien bestritt er allerdings vehement. Und das Niedersächsische Landesamt für Bodenforschung stellte fest, der Nutzen geothermischer Energie im Alpenvorland liege "im Grenzbereich der Wirtschaftlichkeit".

Der Streit zwischen dem Autodidakten und den beamteten Wissenschaftlern wurde 1989 von einem tragischen Unfall überschattet. Wegen eines defekten Tiefenmessers tauchte Hasenmayer bei Filmaufnahmen im Wolfgangsee zu schnell auf. Kleinste Luftbläschen verstopften seine Blutbahnen und legten das Nervenzentrum lahm. Kollegen packten den Bewegungsunfähigen direkt nach dem Unfall in eine bereitstehende Druckkammer und machten damit die Lähmung vorerst rückgängig. Doch im Krankenhaus in Graz nahmen die Ärzte den Druck erneut zu schnell weg. Sie hatten, so sieht es Hasenmayer heute, mehr ihrer Theorie vertraut als seiner taucherischen Erfahrung. Seither kann er seine Beine nicht mehr bewegen. Und vom Glauben an "die Wissenschaft" hält er noch weniger als zuvor.