Warum nur sind die beiden Schwiegersöhne Saddam Husseins aus ihrem jordanischen Exil in den Irak zurückgekehrt? Mußten sie nicht damit rechnen, ermordet zu werden? Die in London erscheinende arabische Zeitung Al-Hayat nennt Größenwahn und Realitätsverlust als Gründe für die - tödliche - Entscheidung der beiden. Ursprünglich wollten Hussein Kamil Hassan und sein Bruder Saddam Kamil den irakischen Diktator stürzen und sich der zerstrittenen Exilopposition und den USA als Alternative zu Saddam Hussein anbieten. Nach ihrer Flucht aus dem Irak nach Amman im August vorigen Jahres verrieten sie wichtige Einzelheiten über die irakischen Rüstungsprogramme, wurden jedoch von den Amerikanern fallengelassen. Deren Hoffnung, die irakische Opposition würde mit den beiden zusammenarbeiten, erfüllte sich nicht, denn die Ermordeten waren mitverantwortlich für den Tod zahlreicher Oppositioneller und für die Giftgaseinsätze gegen Kurden im Norden des Landes. Aber offenbar wollten die skrupellosen Brüder nicht wahrhaben, daß der Weg zur Macht in Bagdad nicht über Amman führt. Al-Hayat schreibt: "Die Entscheidung zur Rückkehr fällte Hussein Kamil spontan, nach einem seiner Wutanfälle. Immer wieder schlug er sich mit einem Kopfkissen auf Brust und Bauch und brüllte: ,Ich bin ein Mann!`"

Die Ermordung der beiden vorher noch schnell geschiedenen Schwiegersöhne stärkt Saddam Hussein: Wenn es nicht einmal Angehörigen des innersten Machtzirkels gelingt, den Diktator zu stürzen, welche Möglichkeiten bleiben dann der zivilen Opposition? Unmittelbar nach der Flucht der einstigen Vertrauten war Saddam Hussein in die Offensive gegangen, hatte Familienangehörige aus Führungspositionen entfernt und seine Machtbasis um Angehörige anderer Stämme und Clans erweitert. Die eigene Familie kontrolliert allerdings nach wie vor die Sicherheitsdienste. Deswegen tötete sie die "Verräter" eigenhändig: eine "Geste", die Einheit signalisieren soll.

Zwar hatte die Flucht der Brüder dem Regime geschadet, aber Saddam Hussein hat die Auswirkungen erfolgreich begrenzt. Heute sitzt er fester im Sattel als zuvor; eine Rebellion gegen den Präsidenten ist augenblicklich eher unwahrscheinlich. Nicht nur, weil Putschisten Gefahr liefen, umgehend enttarnt zu werden. Angehörige der Armee, der Sicherheitskräfte und Geheimdienste wissen zudem, daß ihr Überleben vom Fortbestand des Regimes abhängt. Zu viele Grausamkeiten haben sie im Namen des Diktators begangen. Ein Tyrannenmord ist nur dann vorstellbar, wenn ein einzelner beschließen sollte, ein Attentat auf Saddam Hussein zu verüben.