Zu Besuch bei Mozarts

Leopold Mozart machte sich Sorgen: Die Wohnung war einfach zu klein; kein ruhiger Raum für den zehnjährigen Wolfgang. "Wo werd ich für ihn einen besonderen Platz zum studieren und seiner Arbeit, deren er vielerley haben wird, finden?", fragte er anno 1766 seinen befreundeten Vermieter Johann Lorenz Hagenauer, "und wo bleib ich? meine Kinder und ich soll iedes seinen Platz haben, um keines dem anderen hinderlich zu seyn. Können sie denn noch ein paar Zimmer anbauen lassen?"

Jeder, der in der Getreidegasse 9 im dritten Stock die drei Zimmer, Küche und Kabinett in Augenschein nimmt, überhaupt jenes "Mozarts Geburtshaus", das zu besichtigen heute für jeden Salzburg-Touristen ein kultischer Akt zu sein scheint, muß erkennen: Der Hagenauer konnte nicht. Und so siedelten die Mozarts im Spätherbst 1773 um in ein geradezu luxuriöses Etablissement, eine phänomenal geräumige Achtzimmer-Wohnung auf der anderen Salzach-Seite - in das sogenannte "Tanzmaister Haus".

Dort hatte 1711 ein Pfiffikus Kapital daraus geschlagen, daß das Leben bei Hofe selbst in Salzburg immer komplexere und kompliziertere Formen annahm, der Nachwuchs des Landadels also Nachhilfeunterricht benötigte über das höfische Ritual und die Etikette im allgemeinen und den Tanz im besonderen. Um 1730 war sogar ein geräumiger Tanzsaal eingerichtet worden. Längere Zeit hatte der langgestreckte Bau dem hochfürstlichen Tanzmeister Speckner gehört, einem Trauzeugen Leopold Mozarts, der wiederum bei den "Mascera"-Bällen Speckners als Geiger aufspielte. Seit 1767 war das "Tanzmeister-Mitzerl" Eigentümerin, Speckners Nichte, von der man eine Weile wegen einer Erwähnung in einem Brief des achtzehnjährigen Wolfgang ("sie soll an meiner liebe nicht zweifeln") angenommen hat, sie sei seine Jugendfreundin gewesen - aber die Dame war sechsundvierzig Jahre älter als er.

Außer den Mozarts wohnten zahlreiche adelige Studenten der Salzburger Universität im Haus, das noch ziemlich frei stand und an einen großen Garten stieß - in dem die Jeunesse dorée gern zwei aus der Mozart-Literatur wohlbekannten Vergnügungen frönte: Kegeln und "Bölzlschießen" auf bemalte Jux-Schießscheiben, zu denen auch Wolfgang Amadeus, seit seinem zehnten Lebensjahr Mitglied der "Kompagnie", selber Entwürfe lieferte. Im Tanzsaal muß der "Hof- und Cammer-Componist" und "Vice Kapellmeister" Leopold Mozart sich außerdem ein Zubrot verdient haben, indem er dort moderne Tasteninstrumente in Kommission verkaufte.

Wolfgang Amadeus Mozart wohnte am Makartplatz bis zu jenem berühmten "Tritt in Hintern" des Grafen Arco, der ihn am 8. Juni 1781 aus der Salzburger fürstbischöflichen Residenz und damit aus der Domestikenstellung eines Musikbediensteten heraus in die noch keineswegs selbstverständliche Position eines freien Künstlers beförderte. In welchem der Räume Wolfgang tatsächlich arbeitete, ist heute nicht mehr bekannt - aber er komponierte in diesem Hause einen Großteil dessen, was zwischen den Köchelverzeichnis-Nummern 174 und 339 gezählt wird.

Freilich: "Ohne reisen, wenigstens leüte von künsten und wissenschaften, ist man wohl ein armseliges geschöpf", schrieb er einmal sich verteidigend an seinen Vater. Und in der Tat: Fünf große Reisen startete Wolfgang vom Makartplatz aus: nach München, nach Paris, nach Wien (wo er jedesmal den großen Karrieresprung erhoffte, wo er aber doch ebenso regelmäßig enttäuscht wurde). Die Forschung wollte es genauer wissen: Die gesamte Abwesenheitszeit betrug fast ein volles Jahr. Irgendwie ist es sogar verständlich, daß der Arbeitgeber das nicht gerade witzig fand.

Schon im Juli 1778 war Leopold Mozarts Frau Maria Anna gestorben. Nach Wolfgang 1781 zog 1784 auch die Tochter Nannerl aus - bis zu seinem Tode am 28. Mai 1787 lebte Vater Mozart gänzlich allein in der riesigen Wohnung, hatte nur, ab Juli 1785, den Enkel Leopold Alois Pantaleon, Nannerls Sohn, in seiner Obhut - die Melancholie des seine letzten elf Jahre von den höfischen Spielverpflichtungen entbundenen Geigers ist nur zu gut erklärlich.

Zu Besuch bei Mozarts

Seit dem 100. Geburtstag Wolfgang Amadeus Mozarts (1856) erinnerte immerhin eine Inschrift unter den Fenstern der eigentlichen Wohnung an die ehemaligen Mieter. 1939 konnte die Internationale Stiftung Mozarteum die acht Wohnhausräume mieten und darüber hinaus erreichen, daß das ganze Gebäude unter Denkmalschutz gestellt wurde. Am 16. Oktober 1944 freilich zerstörte eine Bombe das Tanzmeisterhaus zu zwei Dritteln. Aus der Traum von der "würdigen Erhaltung eines unschätzbaren Besitzes für Salzburg in pietätvoller Erinnerung an den größten österreichischen und Salzburger Sohn"?

Immerhin: Der zwischenzeitlich als Druckerei genutzte historische Tanzsaal-Trakt war unbeschädigt geblieben. 1955 vermochte die Stiftung wenigstens den zu kaufen - seit 1981 existierte dort ein Museum, das einen Einblick zu geben versuchte in jene höfisch orientierte Welt am Ende des Ancien régime. Auf dem Ruinengrundstück indes durfte, trotz heftigster Proteste und denkmalpflegerischer Einwände aus aller Welt, 1951/52 eine Versicherungsgesellschaft ein fünfgeschossiges Bürohaus errichten.

Gelegentlich aber hilft ja neben der hartnäckigen Ausdauer eine Portion Glück. Im Frühjahr 1989 glaubte die Versicherung, das Haus sei zu klein für ihre Bedürfnisse - die Stiftung konnte auch diesen Komplexteil kaufen. Die Frage war nur: Mit wessen Geld? Aber da hatte doch schon das Wolferl selber, seit er aus dem Tanzmeisterhaus aus- und nach Wien umgezogen war, gelernt, wie man Bettelbriefe schrieb. Die Stiftung hat es von ihm übernommen und über alles das hinaus die Wirksamkeit von Vitamin I ("Ich kenne einen, der kennt einen") zu nutzen vermocht.

Der mehrspurige und durchaus mäandrige Weg ging etwa so: Ein japanischer Musikwissenschaftler, der des öfteren in Salzburg forscht, knüpft die Verbindung zu Japans erster und der Welt zweitgrößter Lebensversicherung (The Dai-ichi Mutural Life Insurance). 1991 veranstaltet die Stiftung eine Mozartwoche in Tokio. In deren Rahmen "kauft" die Versicherung ein zusätzliches Konzert für ihre Angestellten - dieser "Erlös" erbringt den Grundstock für einen "Wohnhaus-Fonds". Als in den folgenden Jahren eine heftige Diskussion unter einheimischen Bürgern und weltgereisten Intellektuellen, profitorientierten Kapitalisten und auf der Suche nach der verlorenen Zeit befindlichen Idealisten darüber entbrennt, ob auf dem Tanzmeisterhaus-Komplex nach dem Abriß des Bürohauses ein modernes oder ein historisierendes Museumsgebäude errichtet werden soll, entscheidet Dai-ichi ziemlich direkt mit: entweder nach altem Vorbild - oder kein Geld. Eine Bausteine-Aktion und eine Fülle von Benefizkonzerten, großzügige Gesten der auf Ablösesummen verzichtenden Vormieter und die Spende der Japaner samt den Vorteilen eines Devisen-Sicherungsgeschäfts bringen die rund siebzig Millionen Schilling, etwas zehn Millionen Mark, für Abriß und Neubau zusammen.

Die Wiederherstellung wird, wie überall, zu einem Wettlauf mit der Zeit, denn die schleppt die Explosion der Baupreise mit sich. Sie wird aber auch zu einem kriminalistischen Fortsetzungsroman. Ein Kapitel heißt beispielsweise: Fassade und Grundriß. Nichts Originales ist uns überliefert, der Mozart-Epoche zeitlich am nächsten kommt ein Litho aus dem Jahre 1838. Ein anderes Kapitel: die Farben - wie war beispielsweise der Tanzmeistersaal ehedem ausgemalt, bevor die Druckerschwärze alles überlagerte? Alte Ansichten zeigten, daß das Haus noch an seiner Nordostseite frei stand, gegen den Garten ging. Da mußten Fenster existiert haben - doch die waren beim direkten Anbau des Nachbarhauses zugemauert worden. Als man die Abdeckungen jetzt öffnete - kamen in den Laibungen zartgrüne Ornamente zum Vorschein: kleine Details der Ausmalung, aber in den alten Farben aus der Mozartzeit. Diese Timbres konnten für den ganzen Saal rekonstruiert werden, und sie müssen nun ausreichen, um so etwas wie eine historische Atmosphäre zu schaffen. Der Rest nämlich ist funktionsorientiert: für ein Museum, das sich bewußt modernster audiovisueller Demonstrationsmöglichkeiten bedienen, das aber vor allem auch der nicht nur historisierenden Forschung dienen möchte.

So kann der Besucher am Eingang eine Art Handy ausleihen - das Empfangsgerät für ein Infrarot-Führungssystem mit sowohl gesprochenen Kommentaren als auch jeweils gezielt programmierter Musik, mit dem der Besucher individuell durch die verschiedenen Räume geleitet wird. Zunächst durch den Tanzmeistersaal mit fünf historischen Tasteninstrumenten, einer Fülle von Autographen(-Kopien) und dem (wahrscheinlich) von Della Croce gemalten Familienbild. Der Raum eignet sich nach der Renovierung des Fußbodens wie der Wände hervorragend für kleine Kammerkonzerte, Vorträge oder Konferenzen. Dann durch einen Raum zur historisch-gesellschaftlichen Orientierung, der Auskunft gibt etwa über den Rhythmus und die Inhalte des Lebens im Absolutismus oder über die Anforderungen an einen subalternen Künstler bei Hofe. Weiter durch ein Zimmer mit (weitgehend authentischen) Teilen aus Vater Leopolds Bibliothek, die dessen aufklärerische Neigungen erkennen läßt. Ferner durch ein Nannerl-Zimmer mit Teilen aus dem Nachlaß der Maria Anna von Berchtold zu Sonnenburg geb. Mozart: einem goldenen Kreuz mit zwölf Almandinen etwa oder einem Ring mit den Symbolen von Glaube (Kreuz), Hoffnung (Anker) und Liebe (Herz) statt kostbarer Edelsteine, aber auch jenem Theaterwochenblatt von Salzburg, das uns darüber unterrichtet, daß 1775/76 die Theatertruppen von Böhm und Schikaneder gastierten - was uns wiederum wichtige Erkenntnisse über Fragment gebliebene Werke aus Wolfgangs Tanzmeisterhaus-Periode vermittelt. Wir gehen durch ein "Ambiente"-Zimmer, das Vorstellungen von einem Wohn- oder Schlafzimmer anno 1780 vermittelt, und kommen in einen Raum, in dem die "Neue Mozart-Ausgabe" mit ihren 120 Bänden auf 2,70 Regalmetern die 626 von Köchel gezählten und die darüber hinaus (wieder)entdeckten Kompositionen präsentiert, aber auch eine Multimedia-Wand seine immerhin achtzehn Reisen kommentiert.

Ob es eines besonderen Privilegs oder wieder nur des Vitamins I (siehe oben) bedarf, um in das Allerheiligste eingelassen zu werden, steht noch in keiner Besucher- oder Benutzerordnung: Im Kellergeschoß verwahrt die Stiftung in mehrfach gesicherten Tresorräumen ihre Mozart-Autographe. Immerhin 105 (in Worten: einhundertfünf) Musik-Manuskripte Wolfgangs, 322 Briefe Leopolds, 170 vom Sohn, 58 von Nannerl, 2 von der Mutter, 126 von der Ehefrau Constanze, 19 von den Söhnen Carl und Franz Xaver Wolfgang, ja sogar von einer nicht weiter bekannten Marianna Mozart ein Schreiben vom 8. August 1856.

Zu Besuch bei Mozarts

Der wahrscheinlich am stärksten genutzte Teil des neuen Museums indes dürfte die Ton- und Film-Abteilung werden, wo beabsichtigt ist, alle nur verfügbaren Audio- wie Video-Aufzeichnungen von Mozarts Kompositionen zu sammeln und der öffentlichen Nutzung bereitzustellen: der wissenschaftlichen Forschung vor allem, aber auch Projektgruppen von Gymnasien etwa, den Interpreten - aber auch den Kritikern. Rund 11 000 (elftausend) Kopien und Aufzeichnungen stehen zur allfälligen Bedienung.

Aber auch dies verdient Respekt: Die Landesregierung und ihr Kulturbeirat gaben dem Ton- und Filmmuseum vor drei Jahren schon den Auftrag, über den genius loci nicht die anderen Komponisten zu vergessen. Und so sammelt das Institut inzwischen alle verfügbaren Dokumente über tote wie, vor allem, lebende Salzburger Tonsetzer.

Ein Wunsch wird freilich unerfüllbar bleiben: auch noch ein Zeugnis jenes Choral-Dialekts aufzufinden, den die Mönche des heiligen Rupert schon im 8. Jahrhundert in jenem Kloster St. Peter sangen, in dessen Garten- und Keller-Restaurants heute die Touristen wie die Forscher nach den anstrengenden Mozart-Rundgängen sich bei Speis und Trank körperlich wie geistig aufzurüsten pflegen, bevor sie die ja doch unvermeidlichen Pralinees als untrügerisches Mitbringsel ins Handgepäck stopfen.

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