FRANKFURT/ODER. - Götz Berger war Armenanwalt und Antifaschist, Spanienkämpfer, Soldat in der Royal Army und von der Sowjetunion überzeugter Immigrant in Moskau. Später half er seiner früheren Kanzleikollegin Hilde Benjamin, die DDR-Justiz aufzubauen, war am Stadtgericht in Ost-Berlin als Richter mit politischen Strafsachen befaßt, bevor er wieder Anwalt wurde. Er war Akteur, nicht nur Zeuge dieses Jahrhunderts. Irgendwann begegnete er dem kritischen Sozialisten Robert Havemann, der zum Freund, dann als Bürgerrechtler sein Mandant wurde. Vierzehn Jahre nach Havemanns Tod meinte der Einundneunzigjährige am Mittwoch vergangener Woche, für den Freund "das noch erledigen" zu müssen: eine Zeugenaussage vor der 3. Strafkammer des Landgerichts Frankfurt (Oder), wo sich Havemanns einstige Kläger und Richter, sieben DDR-Juristen, seit 34 Verhandlungstagen wegen Rechtsbeugung und Freiheitsberaubung verantworten. "Ich bin es Robert schuldig", vertraute Berger vor seiner Aussage im Gerichtsflur Freunden an. Drei Stunden später, Minuten nach seiner Entlassung als Zeuge, brach er vor dem Richtertisch zusammen und starb an Herzversagen.

Seit 1968 war Bergers Schicksal mit dem Havemanns verwoben gewesen. Für Berger brachte jenes Jahr, so Havemanns Witwe Katja heute, "den Wendepunkt in seinem Werdegang". Die Familie Havemann wurde damals zum ersten Mal Opfer einer Taktik, die sich Akten zufolge "politisch-operatives Zusammenwirken des Ministeriums für Staatssicherheit mit anderen staatlichen Organen" nannte: Die Stasi schob die Justiz vor, indem sie Havemanns Söhne Frank und Florian vor Gericht stellen ließ, um den Vater zu treffen. Der damals sechzehnjährige Florian hatte gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings demonstriert. Berger übernahm seine Verteidigung, er argumentierte mit der in der DDR-Verfassung garantierten Meinungsfreiheit und damit, daß konstruktive Kritik von der SED ausdrücklich gewünscht werde - erfolglos.

Florian Havemann kam in Jugendhaft, die Stasi setzte Bergers übrige Mandanten unter Druck, sich einen anderen Anwalt zu suchen, und Berger selbst wurde auf Schritt und Tritt überwacht. Dennoch verteidigte er acht Jahre später auch Robert Havemann. Am Tag, nachdem er die Berufungsschrift gegen den über Havemann verhängten unbefristeten Hausarrest abgegeben hatte, verlor Götz Berger seine Zulassung als Anwalt und flog wenig später aus der SED. In einer geheimen Analyse von 1977 lobte die Stasi, die erneut in Sachen Havemann Einfluß auf die Justiz genommen hatte, Bergers Ausschluß aus der Anwaltschaft als "geeignete Maßnahme".

Dabei wollte Berger nie ein Oppositioneller sein. "Die DDR ist immer sein Land geblieben", resümiert Katja Havemann seine Haltung. Als Berger selbst gegen die Ausbürgerung Biermanns demonstrierte, hielt er sich streng an das Parteistatut der SED und setzte alles daran, sein Schreiben ans Zentralkomitee nicht öffentlich werden zu lassen. Das war sein zweiter Brief dieser Art: In den fünfziger Jahren hatte er an die DDR-Justizministerin Hilde Benjamin, seine ehemalige Kanzleikollegin, geschrieben, und auch damals war er für eine juristisch einwandfreie, saubere sozialistische Politik eingetreten. "Ich war von Anfang an der Auffassung, daß der Kampf gegen die bürgerliche Justiz geführt werden mußte. Aber nicht unter Nichtbeachtung der alten bürgerlichen Gesetze", kommentierte Berger als Zeuge in Frankfurt.

Als Anwalt wurde Berger nach 1989 rehabilitiert. Nur eine Rechnung hatte er vergangene Woche noch offen: "Herr Vorsitzender, ich bitte Sie, ermitteln zu lassen, wer damals meinen Ausschluß aus der Anwaltschaft angeordnet hat", sagte er zu Richter Joachim Dönitz am Ende seiner Zeugenaussage. Die Frage nach dem "Warum" hatte Berger sich im Gerichtssaal selbst beantwortet: "Ich habe keinen Rechtsnihilismus betrieben."