ZDF, Donnerstag, 14. März: "Tacheles" Was eigentlich spricht gegen den Stammtisch? Nichts - solange sich die Brüder benehmen, ihre Lautstärke dämpfen und der Wirt ein Auge auf sie hat. Stammtischpolitik ist schon zweifelhafter. Hier wird verbal im großen Stile aufgeräumt, denn es kostet nichts. Was regiert, ist das Ressentiment, und recht hat die größte Schnauze. Aber auch derlei mag man gelten lassen, solange es den Leuten Spaß macht. Nur: Soll man's im Fernsehen bringen?

"Tacheles" mit Moderator Johannes Gross verspricht Klartext zu Politthemen, es darf hoch hergehen, und es soll auch mal im großen Stil aufgeräumt werden. Fünf Gäste versammelt der Wirt im Foyer der Frankfurter Oper, zu sechst also zieht man vom Leder, fährt einander in die Parade, trumpft auf, setzt nach, schmiert ab. Das war Stammtisch vor der Kamera, und es hatte für Außenstehende auch exakt dessen Charme: Man registriert, daß sich da eine Runde erregter Herren zankt und womöglich gut unterhält, fühlt sich selbst aber vollständig ausgeschlossen und ist darüber durchaus froh. Und solange man nicht als TV-Kritiker zum Dranbleiben gezwungen ist, schaltet man ab.

Das Thema hieß: "Rot-Grün, Dauerzoff als Modell für Deutschland?" Hintergrund war die Koalitionskrise in Nordrhein-Westfalen; für die Grünen hatte Minister Michael Vesper Platz genommen, für die SPD Minister Wolfgang Clement. Professor Scheuch saß als akademischer Grünen-Gegner, Unternehmer Bentz als ökonomischer Opponent in der Runde. Johannes Gross glänzte als Rhetoriker mit seinem goldenen Schlips um die Wette. Da prallte der Flächenleitplan auf das Braunkohlenbauprojekt und Garzweiler auf den Flughafen Dortmund, und man verstand nur Bahnhof.

Allein Vesper gelang es, ruhig und hartnäckig, wie er war, ein politisches Thema wenigstens zu formulieren: Ob denn wirklich das Arbeitsplatzargument der Öko-Rücksicht stets zu widerstreiten habe? Ansonsten wurde geholzt, geschimpft, besser gewußt und polemisiert. Scheuch, dem man feinere Manieren zugetraut hätte, erstickte fast an seiner Verachtung für die grünen Gesprächspartner, Clement faselte pausenlos über irgendwelche Interna oder redete auf seinen Nachbarn ein. Dieser, der Unternehmer, drohte mit Kapitalflucht nach Portugal.

Und Gross, sichtlich erfreut über das Temperament, das seine Runde bewies, erklärte in gewohnter Oberlehrermanier, was ein Formelkompromiß sei, wie jeweils Regierung und Opposition zur Macht stünden, und befleißigte sich aparter lateinischer Vokabeln wie "Concordia-Formel" und "sich akkordieren". Mit einem Wort: Es war ein Stammtisch, wie er im Buche beziehungsweise in der Kneipe steht und deshalb schlechtes Fernsehen.

Prinzipiell ist zu sagen: Tacheles reden, das heißt ein Streitgespräch führen, und zwar so, daß die Fetzen fliegen, das geht im Fernsehen nur, wenn man die Kontrahenten auf zwei, drei Gegner beschränkt - oder aber die Show streng reglementiert mit Inszenierungstricks wie beim "Heißen Stuhl" und einem Dompteur als Moderator wie bei "Einspruch". Größere Runden mit einem läßlichen "Wirt", der gern mitmischt, bedürfen der kühlen Rededisziplin und publikumsbezogenen Auskunftsfreude, also einer gewissen "Concordia-Formel" - Modell "Presseclub". Tertium non datur, Herr Gross.