Ein schöner Satz: "Wenn hundert Menschen einen Film sehen, dann haben alle mehr oder weniger den gleichen Film gesehen; wenn aber hundert Menschen ein Hörspiel hören, haben sie hundert verschiedene Filme gesehen." Gesprochen hat diesen Satz Walter Adler, Regisseur, sein Metier beschreibend: das Hörspiel.

Das Hörspiel - gibt's das noch?

Ja, das Hörspiel gibt es noch. Etwa 700 neue Stücke werden in der ARD Jahr für Jahr produziert. Jede der dreizehn ARD-Rundfunkanstalten sendet wöchentlich zu mehreren festen Terminen Mundart-, Kriminal- oder Experimentalhörspiele. Hier hat Science-fiction ebenso ihren Platz wie die klassische Literatur. Oder einfach nur der aktuelle Bestseller. Die Spielarten sind Drama, Komödie oder Märchen. Erzählt wird, was und wie es gefällt.

Und doch: Das Hörspiel, diese einzig noch verbliebene, in der Öffentlichkeit gleichwohl kaum beachtete reine Radiokunstform, ist gleichsam ein medialer Kauz. "Die vom Hörspiel" läßt man, senderintern, machen, beneidet sie heimlich um die immensen Freiheiten, die sie genießen, nimmt sie aber nicht wirklich ernst. So viel

Arbeit wie die macht sich heute nämlich kaum einer mehr im Radioalltag. Niemand sonst führt allerdings auch ein mitunter so weltfremdes Dasein in den Redaktionsstuben wie die Hörspielleute. Das hat seine Vor- und Nachteile. Einer der Vorteile ist, daß hier die großen Möglichkeiten des Radios immer noch genutzt werden. Ein Nachteil: Viel zu lange haben sich die Redakteure keine Gedanken über eine vernünftige Weiterverwertung ihrer Produktionen gemacht.

Auch mancherlei Bestrebungen, dem Hörspiel Zeit und Raum zu nehmen, müssen die machtlosen Macher mehr oder weniger tatenlos hinnehmen. So ein Programmdirektor in der ARD hält nämlich oft lange Wortbeiträge im Radio für unzeitgemäß und behauptet, das Hörspiel sei zu teuer. Andere wiederum können genau das Gegenteil beweisen: Das Hörspiel, sagen sie, ist die preiswerteste Sendeform, denn es lebt auch von, durchaus angebrachten, Wiederholungen.

Wie man auch rechnen mag, vor allem lebt das Hörspiel natürlich von seinen Autoren. Viele große Literaten haben Hörspiele verfaßt und tun das auch heute noch. Namhafte Figuren der Literaturgeschichte, die schon verstorben waren, als das Radio erfunden wurde, landeten posthum im Hörspiel, weil ihre Stücke und Geschichten für dieses Medium inszeniert wurden. Und natürlich ist Hörspiel auch Klang. So finden sich dort viele Werke von Musikern. Mauricio Kagel und John Cage etwa haben speziell fürs Hörspiel produziert. Schließlich sind da noch die vielen nicht so bekannten Autoren, Musiker, Stückeschreiber, Collagisten und Parodisten, die insgesamt jene mehr als 25 000 Produktionen hervorgebracht haben, die heute in den Archiven der ARD liegen.