Nein, die Gesichter sind nicht, wie das von Othello, mit Schuhwichse geschwärzt, sondern Sängerinnen und Sänger zeigen ohne Scham, daß sie sämtlich Weiße sind, auch wenn sie zum Teil Schwarze spielen. Überdies wird, anders als in "Les nègres" von Genet, nicht mit Masken gearbeitet (die wenigen Sekunden, wo es dennoch geschieht, sind ein guter Regieeinfall, keine Vorschrift des Textbuchs).

Der Komponist Jan Meyerowitz, dem ein ganz anderer Bekanntheitsgrad zu wünschen wäre, hatte sich von Langston Hughes dessen Broadway-Tragödie "Mulatto", ein amerikanisches Rassendrama, zum Buch seiner Oper "The Barrier" ("Die Schranke") umarbeiten lassen, die jetzt auf deutsch wieder "Der Mulatte" heißt. Die Kooperation mit Hughes trug Meyerowitz von Anbeginn Feindseligkeiten ein, die Bürgern zivilisierter Länder heutzutage nicht mehr verständlich sind: "Es gab Leute, die mich anriefen und mich allein aus dem Grund beschimpften, weil ich mit Langston Hughes zusammenarbeitete. Wie können Sie mit Langston Hughes arbeiten? Was soll das denn wieder? Ich rief also Virgil Thomson an, mit dem ich sehr gut stand, und er sagte mir: ,Na klar, Jan! Warum überrascht dich das? Er ist ein Homosexueller, und er ist Kommunist.`" Es war die schlimmste McCarthy-Zeit.

Man kann noch das Schauderhafteste zur Unterhaltung von Lesern aufbereiten, und in diesem Sinne haben Künstler, die aus dem Deutschland der Mörder fliehen mußten, die abenteuerlichsten und interessantesten Biographien. Allein wie der 1913 in Breslau geborene, in Berlin aufgewachsene Meyerowitz im von den Nazis besetzten Frankreich mit falschen Papieren überlebte, nachdem seine Fluchtversuche - ihr Ziel wäre Amerika gewesen - gescheitert waren, könnte ein Romansujet abgeben. Zuvor hatte ihm noch Italien, wo er "Konsonanzen bei Respighi und Dissonanzen bei Casella studierte", Zuflucht geboten. Zur Auswanderung nach Amerika kam es erst nach der Befreiung Europas, heute lebt Meyerowitz wieder in Frankreich.

Bisher kannte ich von ihm einzig die 1965 uraufgeführte Kantate "Die Rabbiner": erregte Diskussionen aus dem babylonischen Talmud, in eine schönbergisch-wild gezackte, doch um tonale Zentren - besser: Zentrierungen - flackernde Musik gesetzt. Dieses Werk liebe ich, und mein von ihm rührender Hang zu Meyerowitz bestimmte mich, nach Darmstadt zur deutschen Erstaufführung des "Mulatten" zu reisen. Das erstmals am 18. Januar 1950 durch die Theatre associates der Columbia University zu New York in Szene gesetzte Bühnenwerk aber erwies sich als prononcierte Blues-Oper: für einen arglosen Europäer überraschend bei einem Komponisten, der - ein Lustrum jünger als Messiaen - zur Generation von Cage, Leibowitz und Lutoslawski gehört. Nun sind Werke und Aufführungen nicht dazu da, Erwartungen zu befriedigen, sondern den, der sich ihrer Wirkung aussetzt, mit einem Sinn zu konfrontieren, der höchst unerwartet sein kann. Der Einsatz musikalischer Idiome und Idiomatismen, die für die traditionelle schwarze Kultur in den Vereinigten Staaten stehen, hat mich in diesem Gebilde eines Zentraleuropäers, der ein Adept Alexander von Zemlinskys ist, sofort überzeugt: weil der Sinn des Verfahrens, der selbstverständlich ein politischer ist, nicht vorausgesetzt, sondern dadurch hervorgebracht wird, daß avanciertes kompositorisches Denken dieses "Material" ergreift.

Die Handlung, die den politischen Sinn der Musik deutet - andersherum würde ich das Verhältnis nur ungern ausdrücken -, ist schnell referiert. Ein Plantagenbesitzer in Georgia, dessen weiße Frau offenbar in der Blüte ihrer Jahre verstorben ist, lebt im Konkubinat mit einer Schwarzen, die ihm drei Kinder geschenkt hat. Er bleibt aber, wie die Doppelmoral es gebietet, ein fürchterlicher Rassist. (Übrigens wird nicht recht ersichtlich, ob die Sache vor oder nach der Abschaffung der Sklaverei spielt, denn geändert hat sich nichts.) Indes verdirbt Bildung die Jugend und besonders die Befehlsempfänger; bisweilen begehren sie auf, und so will auch ein "Bastard" des Plantagentyrannen, nachdem er bessere Schulen besucht hat, sich von seinem bisherigen Status emanzipieren. Nach einer Auseinandersetzung mit dem Vater, die etwas von den einzigartigen Kontroversenvertonungen der "Rabbiner" vorwegnimmt, tötet er diesen. Die brutale Gemütlichkeit der Leichenbestatter gemahnt sodann an SS-Unterführer, die hinterbliebene Beischläferin versinkt in traumhafte Regressionen, und der Rebell flieht vor der Lynchwut der Weißen in den Suizid.

Claus Guths Inszenierung, in ihren Grundbeständen eher brav, konventionell-realistisch und mit ein paar modernistischen Effekten lediglich angereichert, hatte ihre starken Momente überall dort, wo sie im Verein mit Kostümen (Susanne Dieringer) und Bühnenbild (Christian Schmidt) in durchdachte Symbolik transzendierte, die im Programmheft durch Malewitschs "Schwarzes Quadrat" von 1929, vor Beginn der Aufführung und in ihr selbst durch das Bild des schwarzweißen Zebras generell beschworen wurde , sich aber in zahllosen verschieden gewichteten Einzelheiten bewährte. Hervorragend die musikalische Wiedergabe unter dem Dirigenten Georg Kardos. Das Staatstheater Darmstadt verfügt über ein so tüchtiges Ensemble von - für heutige Verhältnisse unvergleichlich aufeinander eingestimmten - singenden, sprechenden und tanzenden Solisten, daß es nicht nur unanständig, sondern unverständig ist, Einzelleistungen hervorzuheben. Wenn das Publikum dennoch sich nicht davon abbringen läßt, den "Hauptdarstellern" besonders viel Applaus zu spenden, so hängt das freilich auch mit der strukturellen Tatsache zusammen, daß selbst in modernen Opern noch längst nicht jegliche Hierarchie abgeschafft ist (Janáceks "Totenhaus" bildet die einzige markante Ausnahme). Es liegt also am Stück selber, daß ich Hubert Bischof als den Gebieter der Plantage, Rebecca Turner als seine nicht legitimierte Lebensgefährtin und Bruno Caproni als "Mulatten" eigens heraushebe. Der Beifall für Werk und Aufführung war ungeheuer. Der greise Komponist nahm ihn im Rollstuhl entgegen.