Kiel

Meine Güte, kann diese Frau bockig sein! Kann die sich, auch 24 Stunden nach dem Wahldebakel, wehren gegen die Bits und Bytes aus der Realität! Da hatte Heide Simonis fest daran geglaubt, die Sache zu deichseln und in Kiel allein weiterzuregieren, und dann machen einfach ein paar zehntausend Wähler das Kreuz an der falschen Stelle. "Ungerecht" findet die Ministerpräsidentin das. "Wir hätten ein bißchen mehr verdient", sagt sie. Und warum "gerade junge Frauen mich nicht gewählt haben, versteh' ich überhaupt nicht".

Gründe für den Absturz, minus 6,4 Prozent, findet auch sie: bei der Bundesregierung und bei Aussiedler-Lafontaine. Aber nicht ein einziges Mal in einer Kaskade öffentlicher Erklärungen deutet Heide Simonis den Zustand der schleswig-holsteinischen SPD auch nur an: die personelle Auszehrung seit der Schubladen-Affäre, das Klima des gegenseitigen Mißtrauens, den Zerfall der Fraktion in "Aufklärer" und "Vertuscher". Die ganze desperate Lage der Partei, die Heide Simonis zu ihrer One-woman-Show zwang. Nun scheint es, als habe sie selbst vergessen, was sie vergessen machen wollte.

Am Abend nach der Wahlpleite sieht sie sich gezwungen, in Neumünsters unwirtlichster Wirtschaft mit den Genossen eine Frage zu beraten, die ihr zuvor als Zumutung erschienen war: die Koalitionsbildung. Und keiner ihrer Sätze deutet an, daß sie sich ins Unvermeidliche fügt. Keine ihrer Bemerkungen ließe sich als friesisch-herbe Variante der Partnersuche mißverstehen.

Den ganzen Wahlkampf lang hatte Heide Simonis auf die Bündnisgrünen eingedroschen. Keinesfalls, sagte sie, wolle sie "die grüne Kröte schlucken". Ein Bein - mindestens - schaut auch an diesem Abend noch aus ihrem Mund heraus. Die SPD werde "nicht auf Knien kriechen", keinesfalls werde die Partei sich "einen Knebelvertrag vorlegen lassen", und "so 'n Affentheater wie in Nordrhein-Westfalen" werde es mit ihr nicht geben: "Vier Wochen lang verhandeln die von morgens bis nachts, sehen aus wie 'n Schluck Wasser in der Kurve, und was schaut am Ende dabei raus?" Dazu kommen persönliche Animositäten. Allein die Vorstellung, mit der grünen Spitzenfrau Irene Fröhlich verhandeln zu müssen, treibt Heide Simonis, wie es in ihrem Stab heißt, "die Pickel ins Gesicht".

Gegen diesen Widerstand steht das Wahlergebnis. Rot: 39,8 Prozent; Grün: 8,1 Prozent. Ein starkes Argument, auch wenn die These vom "rotgrünen Auslaufmodell" in Nordrhein-Westfalen und Bremen jüngst Bestätigung fand. Rein rechnerisch bleibt Heide Simonis eine weitere Variante. Schon als die Demoskopen ihre absolute Mehrheit schwinden sahen, hatte sie begonnen, die kleine Vertretung der dänischen Minderheit zu umwerben. Der SSW ist den Sozialdemokraten traditionell gewogen. Für SPD und SSW aber reicht es nur im Dreierbund mit der wiedergeborenen FDP, und da beginnt das Problem. Dem sozialpolitisch wachen SSW sind all die kleinen Waterkant-Westerwelles suspekt. Zuviel Zwang zum Kompromiß, fürchtet der SSW, könnte am Ende die eigene Klientel davontreiben und die parlamentarische Existenz gefährden. Und das nur, um Heide Simonis die Mehrheit zu sichern? Zudem hätte das originelle Gebilde, egal ob in einer Koalition mit der SPD oder sie duldend, im Parlament nur eine Stimme Mehrheit. Ob Heide Simonis es wagen wird, sich allein aus Abneigung gegen die Grünen auf diese labile Konstruktion zu stützen?

Ihre Landespartei versucht schon am Tag danach, dieses Risiko auszuschließen. Während die Ministerpräsidentin, wie sie später sagen wird, mit den Spitzengenossen in Bonn "Tacheles redet", benennt der schleswig-holsteinische Parteivorstand in Neumünster schon mal die fünf Mitglieder der Verhandlungskommission. Als Simonis am Abend dazustößt, findet sie sich von Rot-Grünen umstellt. Mehrere Mitglieder der Kommission, darunter die designierte Fraktionsvorsitzende Ute Erdsiek-Rave, lassen schon öffentlich ihre Präferenz erkennen. Wieviel Spielraum bleibt der Ministerpräsidentin da noch für einen weiteren Sololauf? Das Wahlergebnis hat ihre Position innerhalb der Landes-SPD nicht eben gestärkt. Um es mit der FDP versuchen zu dürfen, wird sie der eigenen Basis wohl mindestens gescheiterte Verhandlungen mit den Bündnisgrünen bieten müssen.