ZDF, Samstag, 23. März:

"Der Mörder und die Hure" Der Mord interessiert durch sein Motiv, im Leben wie auf dem Bildschirm. Hier setzt die Empathie des Zeitungslesers und Fernsehguckers an, hier kämpft er mit Abscheu oder ringt um Verständnis. Die mörderische Vorgehensweise beschäftigt ihn auch - aber erst in zweiter Linie. Sie ist Sache der Polizei.

Um so eigenartiger, daß das Krimi-Kino unserer Tage sich um das Tatmotiv immer weniger kümmern möchte und sich statt dessen mit besonderer Lust in den Akt des Tötens vertieft. Es ist kein Zufall, daß pathologische Killer, Serien-, Nachahmungs- und Amokmörder das Bild beherrschen: Hier ist das Motiv zweitrangig, oft fehlt es ganz. Natürlich gibt es immer einen Grund für eine Tat; aber wenn der nur das allgemeine Elend ist, läßt sich dramaturgisch nichts mit ihm anfangen.

Der Mord emanzipiert sich von seinen Bedingungen, wird autonom und ganz der ästhetischen Anstrengung unterworfen. Die Panik des Opfers, die Grausamkeit des Täters, sie bedürfen, da sie sich vom Boden der normalen menschlichen Antriebe losgelöst haben, der besonderen inszenatorischen Kunst. Wenn schon keine Psychologie, dann wenigstens Show.

Das Fernsehen ist, was Stoffe und ihre Verarbeitung betrifft, der kleine Bruder des Kinos und recht folgsam. Selbst im Heimatkrimi fließt das Blut längst reichlicher und röter als in jenen Zeiten, in denen man noch nach dem Motiv fragte. Aber es gibt in der Wirklichkeit und im Drama anthropologische Konstanten, die nicht abzuschaffen sind. Zu ihnen gehört, wo immer Normen verletzt werden, die alte Kinderfrage: Warum? Sie wird die erste bleiben, wo Blut fließt, auch wenn das Handwerk des Tötens auf Leinwänden und Bildschirmen zur schönen Kunst avanciert ist. Diese Variante von L'art pour l'art hat keine Zukunft.

Vielleicht haben die Autoren des TV-Films "Der Mörder und die Hure", Michael Lähn (Regie) und Hartmann Schmige (Buch), das gewußt - jedenfalls haben sie es auf die alte Art und damit richtig gemacht. Ihr Film beginnt mit dem Motiv und wird von ihm getragen; und obwohl das Blut in Strömen und aus Wunden quillt, die von einer Axt geschlagen wurden, kann es doch das Motiv nicht wegspülen: Roman mordet nicht, weil er morden will, sondern weil er Sonja liebt und sie freikaufen muß. Das ist sein Schicksal, da kommt er nicht raus. Und man entdeckt als Zuschauer fast mit Rührung, daß man die abscheulichsten Schlächtereien anzugucken bereit ist, wenn man begriffen hat, warum. Was kann denn Roman (Sebastian Koch) machen, wenn Sonja (Katja Studt) ihn ansieht - außer bei ihr bleiben? Nur leider gehört sie einem anderen. Zum Freikauf fehlt ihm das Geld. Also muß er morden.

"Der Mörder und die Hure" gab der Story die Psychologie zurück und brauchte deshalb keine Show. Allerdings wies der Film, vor allem am Schluß, melodramatische Spitzen auf, die an den Kitsch nicht nur grenzten. Aber da er den Mut hatte, das mörderische Verbrechen zurückzubinden an menschliche Leidenschaft - und zwar an die tiefste, die Liebe, statt immer nur an Tollheit, Habgier und Größenwahn -, sollen ihm seine Sünden vergeben sein.