Die erste Geschichte handelt von einem jungen Polizisten und einer Frau im Trenchcoat. Sie treffen sich am 29. April 1994 um neun Uhr morgens, in einer Ladenpassage irgendwo in Hongkong. Sie flieht, er lauert, sie stoßen zusammen. "Als wir uns zum ersten Mal trafen, betrug die Entfernung zwischen uns weniger als einen Millimeter. Genau siebenundfünfzig Stunden später haben ich mich in sie verliebt." Die Frau trägt einen blonde Perücke und eine Sonnenbrille, auch nachts. "Man weiß nie, wann es regnet und wann die Sonne scheint." Der Polizist trägt eine Dienstnummer: 223. Die Frau macht Geschäfte mit indischen Drogenhändlern. Der Polizist trauert um seine verflossene Freundin, die ihn am 1. April verlassen hat. Ananas war ihre Lieblingsfrucht. Deshalb hortet er Dosen mit Ananasscheiben in seiner Wohnung, die alle das gleiche Verfallsdatum tragen: 1. Mai 1994. "Gibt es irgend etwas auf der Welt, das kein Verfallsdatum hat?" Als er die Frau mit der blonden Perücke zum zweiten Mal trifft, in der Nacht zum 1. Mai, fragt er sie: "Mögen Sie Ananas?"

Die zweite Geschichte handelt von einem Polizisten, der eine Stewardeß kennengelernt hat. Sie lieben sich. Sie trennen sich. Ihren Abschiedsbrief hinterlegt sie an einem Schnellimbiß im Chungking-Komplex, einem Touristen- und Ladenzentrum mitten in Hongkong. Faye, das Mädchen vom Imbißstand, nimmt den Brief und den Schlüssel, den er enthält. Während der Polizist auf Streife geht, durchstöbert sie seine Wohnung. Sie putzt die Fenster, räumt die Regale auf, setzt neue Fische ins Aquarium, heftet Erinnerungsphotos an den Spiegel, duscht in seinem Badezimmer und wälzt sich in seinem Bett. Faye, das Mädchen, trägt kurzes schwarzes Haar und träumt von Kalifornien. "California Dreaming" ist ihr Lieblingssong. Als der Polizist mit der Dienstnummer 663 endlich auf sie aufmerksam wird, verabredet sie sich mit ihm in einer Bar: "California". Er wartet, doch sie erscheint nicht. Statt dessen schickt sie ihm einen Brief: ein handgemaltes Flugticket. Ein Jahr später treffen sie sich wieder. Jetzt arbeitet Faye als Stewardeß.

Die erste Geschichte. Die zweite. Aber eigentlich gibt es gar keine Geschichte. Es gibt nur dieses ewige Fliehen und Zurückkommen, dieses Sehnen und Suchen, Träumen und Tasten. Verwischte Augenblicke, hier ein Schuß, da ein Gesicht, ein Liebespaar, zwei einzelne, einer allein. Es gibt nur die Flüchtigkeit selbst.

Ein Film in Augenhöhe. Kein Horizont, kein Himmel, sondern immer nur die Straße, die Wohnung, die Theke, die Küche, die Bar. Das Stadtgeflecht. Und mittendrin die Begegnung, der Blick, der kostbare Moment. Vorbei, vorbei! "Zu spät! Vielleicht woanders, fern von hier! Vielleicht auch nie! Wohin du gehst, weiß ich nicht, und du weißt nichts von mir - du, die ich geliebt hätte, du, die es wußte!" Das schrieb Baudelaire vor hundertfünfzig Jahren in Paris "An eine Passantin". Die Flüchtigkeit: das Grundgefühl der Moderne. Und die Grundstimmung bei Wong Kar-wai.

Wo immer einer wie Wong Kar-wai auftaucht, braucht er einen festen Rahmen, einen Formenkanon, eine Konvention, gegen die er aufbegehren kann. Als Godard kam, gab es das französische cinéma de qualité. Als Cassavetes kam, gab es das klassische Hollywood. Als Wenders kam, gab es Papas Kino. In Hongkong, bei Wong, gibt es das Kino der Schwertkämpfer und Karatemeister, der Mafiakiller und Märchenprinzessinnen. Seit acht Jahren plündert Wong diese Muster wie ein Räuber einen Ramschladen: hier ein paar Killer ("As Tears go by", 1988), dort eine Kung-Fu-Schlacht ("Ashes of Time", 1994), ein Mafiamärchen ("Fallen Angels", 1995), ein Hauch Nostalgie ("Days of Being Wild", 1990). Nur rasch zugreifen! Denn das Verfallsdatum dieses Kinos, der 31. Dezember 1997, der Tag vor der chinesischen Machtübernahme, rückt immer näher. Wongs Filme spiegeln die Panik des Vorgefühls: die Tage des Wildseins, die Zeit der gefallenen Engel.

Wong Kar-wai, ein Meister aus Asien wie Ang Lee, Chen Kaige, Zhang Yimou. Und doch ein Unbekannter. "Chungking Express" ist sein vierter Film und zugleich der erste, der in deutschen Kinos gezeigt wird.

Zwei Liebesgeschichten, Zufallsgeschichten, unterlegt mit westlicher und östlicher Musik, mit Anklängen an Godard, Oshima, Cassavetes - und immer wieder diese verwischten Bilder, in denen die Zeit stillsteht, um dann noch schneller zu fließen als zuvor. Der Film fliegt, und er beflügelt auch den Zuschauer. Und anschließend ist egal, ob es regnet oder die Sonne scheint. Andreas Kilb