Moskau

Es geht aufwärts mit Boris Jelzins Wahlkampf. Erst sind die Kommunisten mit ihrem Duma-Beschluß, die Auflösung der Sowjetunion rückgängig zu machen, ins eigene Fangeisen getappt. Und jetzt scheint Boris Jelzin auch beim Wettlauf zwischen Bär und Hase das bessere Ende für sich zu haben. Das märchenhafte Angebot kam aus Minsk: Der kleine Nachbar Weißrußland wird von seinem lärmenden Präsidenten Lukaschenko zur Wiedervereinigung mit Rußland gedrängt. Am Wochenende blies der ehemalige Sowchos-Vorsitzende nach einer Kreml-Visite zum großen Halali: Seine Zehn-Millionen-Republik an der Ostgrenze Polens werde sich jetzt mit Rußland verschmelzen. Damit hat Jelzin mehr erreicht, als er braucht. Die Reintegration der GUS, die er in Außenpolitik und Wahlkampf voranstellte, um Massenarmut in Rußland, Massenmord in Tschetschenien und patriotische Massenappelle der Kommunisten zu konterkarieren, beherrscht nun das große Staatstheater.

Und Jelzin kann wieder seine Doppelrolle spielen: nach außen als "Boris der Besonnene", nach innen als polarisierender Retter vor den Kommunisten.

Die nämlich sind fürs erste Opfer ihrer nationalistischen Volksfrontstrategie geworden. Ihr Bündnis mit rot-braunen Extremisten und Putschisten hat sie zu dem Trugschluß verleitet, sie könnten das Rad der Geschichte propagandistisch herumreißen und Jelzin als "Zerstörer" der Sowjetunion versenken. Doch ihr prosowjetisches Duma-Votum brachte nur das "nahe" und ferne Ausland in Empörung auf. Parteichef Gennadij Sjuganow, der sich bisher auf westlichen Mammut-Talk-Shows wie dem Weltwirtschaftsforum in Davos als ehrlicher Makler anbiederte, hat die erste Runde verloren.

Jelzin ist wieder obenauf - solange sein Herz mitmacht: Norwegen und Mini-GUS-Gipfel in dieser Woche, Ukraine-Visite in der kommenden, Moskauer Atom-Weltgipfel und der große China-Besuch bis Ende April. Von dieser Warte verdammt er die Kommunisten als verantwortungslos und wehrt den stürmischen Rußland-Liebhaber Lukaschenko als nicht voll verantwortungsfähig ab: "Da hat einer was durcheinandergebracht", sagt der Präsident augenzwinkernd, "von einem gemeinsamen Staat mit Weißrußland kann nicht die Rede sein." Die übrigen GUS-Staatschefs applaudieren.

Jelzin braucht freilich mehr Beifall von den russischen Bürgern, deren (schwindende) Mehrheit noch immer Sjuganow bevorzugt. Viele dieser Wähler sehnen sich nach der alten Stabilität - aber nicht mehr nach einer neuen Sowjetunion. Sie wollen keine Wiedervereinigung auf ihre Kosten mit Republiken, die durch Mißwirtschaft, Reformunfähigkeit und Rohstoffarmut weit sowjetischer geblieben sind als Rußland. Um so besser kann Jelzin die "machbare" Integration zelebrieren, wenn er an diesem Freitag auf dem kleinen GUS-Gipfel mit dem ölreichen Kasachstan, mit Kyrgystan und Weißrußland wirtschaftliche Kooperation und Zollunion vorantreibt. Statt Lukaschenkos schneller Traumhochzeit strebt der Kreml gerade mit Minsk eine langfristige Vernunftehe an - und die militärische Mitgift. In Weißrußland liegt die erste Staffel des russischen Raketenabwehrsystems. Andere Objekte sind unentbehrlich für das Meldesystem der russischen Marine. Die Nato-Osterweiterung macht Weißrußland noch wichtiger. Für den Kreml heißt das: Umsichtig bleiben, nichts überstürzen.

Der Reformer Jelzin ist ausgebrannt - aber der Machtpolitiker spürt wieder Oberwasser. Aus dieser Position hat er jetzt auch den ersten Schritt zum realistischen Umgang mit der Nato-Expansion getan. Die neuen Mitglieder, so schlug Jelzin in Oslo vor, sollten sich nach dem Beispiel Frankreichs nur in die politischen, aber nicht in die militärischen Strukturen einfügen.