Eigentlich war Jacques Chirac nach Singapur gekommen, um die französische Wirtschaft zu preisen. Doch als die Rede auf die heimischen Banken kam, vergaß der Staatspräsident seine Mission als erster Handlungsreisender der Nation. "Es ist schon traurig", sagte Chirac vor Unternehmern und Journalisten. "Unser Bankensektor wurde schlecht geführt." Die Bankenschelte würde schon allein vom Debakel der staatseigenen Großbank Crédit Lyonnais gerechtfertigt. Das Geldhaus hatte versucht, mittels eines hochriskanten Expansionskurs zu einer Art Deutschen Bank a la française zu werden. Auch die BfG-Bank kam beispielsweise unter Lyonnais-Kontrolle. Doch 1993 zeigte sich, daß sich das Kreditinstitut völlig verhoben hatte. Nur ein staatlicher Rettungsplan konnte die größte Pleite in der europäischen Bankengeschichte seit 1945 vermeiden. Was das den Steuerzahler letztlich kosten wird, weiß noch niemand genau. Die Schätzungen schwanken zwischen 80 und 120 Milliarden Franc (23 bis 35 Milliarden Mark). "Ein Desaster", so das Wochenmagazin Le Point.

Zwar scheint der Fast-Pleitier nun das Schlimmste hinter sich zu haben. Nach drei milliardenschweren Verlustjahren konnte die Bank für 1995 einen ersten symbolischen Gewinn von 13 Millionen Franc (3,8 Millionen Mark) ausweisen. Doch der Staat muß wohl demnächst eine weitere Rettungsaktion starten. Denn ohne öffentliche Finanzspritzen kann der auf Eigenheimkredite spezialisierte Crédit Foncier de France sein Bilanzloch von möglicherweise 8 Milliarden Franc nicht stopfen.

Zwei Ausnahmen, gewiß. Aber auch die anderen Kreditinstitute geben Anlaß zu Sorge. Die beiden großen Finanzholdings Paribas und Suez gelten als unrentable Gemischtwarenläden ohne klare Unternehmensstrategie.

Und auch die beiden Großbanken Banque Nationale de Paris (BNP) und Société Générale konnten nur magere Jahresergebnisse vorlegen. Denn sogar die Société Générale, Frankreichs Gewinn- und Rentabilitätschampion, spielt im Weltmaßstab allenfalls in der unteren Mittelklasse. "Das französische Kreditgewerbe gerät zunehmend in eine Schlußlichtposition", sagt Arnaud de Toytot aus dem Pariser Büro von Standard & Poor's, der weltweit größten Agentur zur Bewertung von Bankenbonität.

Ein Blick auf die Branche bestätigt das Urteil der Analysten. Gemessen am Ertrag aus Zins- und Provisionseinnahmen stagnieren Frankreichs Kreditinstitute seit 1991. Deutsche, britische und amerikanische Geldhäuser legten im gleichen Zeitraum um bis zu vierzig Prozent zu. Die Dauerschwäche hat die Kreditwürdigkeit der Pariser Geldhäuser geschwächt. Daher müssen die französischen Kreditinstitute höhere Zinsen zahlen, wenn sie selbst Kredite aufnehmen. Das wiederum läßt ihre Zinsmargen schmelzen. Folge: Unter allen vergleichbaren Ländern hat Frankreich die finanzschwächsten und unrentabelsten Banken. "Eine Sackgasse", erkannte die Tageszeitung Le Monde.

Zwar trägt auch die schlappe Konjunktur zur schlechten Form des französischen Kreditgewerbes bei. Doch das eigentlich Problem liegt für die französische Bankenvereinigung AFB an anderer Stelle. "Frankreich ist Weltmeister bei Wettbewerbsverzerrungen im Finanzsektor", erklärt AFB-Direktor Patrice Cahart. "Was wir brauchen, ist ein einheitlicher französischer Bankenmarkt."

Die Bankenlobby kann ihre Forderung schlüssig begründen. Mitte der achtziger Jahre wurde die dirigistische Kreditkontrolle abgeschafft. Bis dahin hatte die Zentralbank Banque de France den Geldhäusern jährlich ein Kontingent an Krediten und damit einen festen Marktanteil zugewiesen. Seither herrscht Wettbewerb unter gleichen Bedingungen - allerdings nur zwischen den Banken.