Glückwunsch und Respekt! So möchte man den Taiwanern zurufen. Die erste direkte Wahl ihres Präsidenten wurde am Ende doch noch zu einem Festtag für die Demokratie, allen Drohgebärden Chinas zum Trotz. Die Taiwaner ließen sich vom Manöverlärm vor ihren Küsten nicht einschüchtern. Sie votierten für den Kandidaten, den die Machthaber in Peking partout verhindern wollten: Lee Teng-hui, seit 1988 Präsident, kann nun mit neuer Legitimation weiterregieren. 54 Prozent der Stimmen entfielen auf den gebürtigen Taiwaner, dem die Volksrepublik vorwirft, er betreibe entgegen allen Lippenbekenntnissen die Spaltung Chinas.

Rechnet man noch die 21 Prozent hinzu, die auf den Kandidaten der für ein unabhängiges Taiwan eintretenden Demokratischen Fortschrittspartei (DPP) entfielen, so haben drei Viertel der Wähler gegen eine baldige Wiedervereinigung gestimmt. Das geeinte China, es wird auf Taiwan keine Mehrheit finden, solange es nur um den Preis der eigenen Prosperität und der politischen Liberalisierung der vergangenen Jahre zu haben wäre. Und die Volksrepublik wird es nicht herbeizwingen können, solange sich das hoch gerüstete Taiwan seiner Haut zu wehren weiß - nicht zuletzt mit amerikanischer Hilfe.

Inzwischen hat die Volksbefreiungsarmee ihre Militärübungen beendet; das Pentagon läßt den Flugzeugträger Independence in seinen Heimathafen zurückkehren. Einstweilen ist die Krise zwischen China und den Vereinigten Staaten entschärft. Überwunden ist sie allerdings nicht. Taiwan ist ja nur ein Thema auf der langen Liste der Streitpunkte zwischen Peking und Washington. Ob es um Menschenrechte geht, um Handelsüberschüsse, Waffenexporte oder Nuklearversuche - hinter allem wittert China eine Politik der Eindämmung.

Der Gesichtsverlust für das chinesische Regime ist schmerzlich: Die Taiwaner gingen ja nicht nur unbeeindruckt zur Wahl; sie genossen auch die bisher vermißte Sympathie und Solidarität des Auslands. Ein Vierteljahrhundert lang war die Insel gemieden worden. Jetzt entdeckte plötzlich alle Welt, daß im kleinen Taiwan eine demokratische Revolution stattgefunden hat: Ehemalige Dissidenten haben die Gefängniszelle mit der Parlamentsbank getauscht, und ein vor der Militärdiktatur ins Exil geflohener Oppositioneller landete bei der Präsidentschaftswahl auf dem zweiten Platz.

Der Wahlsieger Lee Teng-hui, der die Zunge oft genug nicht hüten kann, wäre gut beraten, seinen Triumph nun still zu genießen. Chinas Präsident Jiang Zemin ist bereit, sich mit ihm zu treffen. Lee sollte diese Geste der Versöhnung annehmen. Was immer die Pekinger Propaganda aus einem solchen Treffen machen würde: Lee reiste, wenn schon nicht mit dem Mandat des Himmels, so doch mit dem Mandat des Volkes. Das ist ein Novum in der chinesischen Geschichte - und eine zweite politische Mutprobe wert.