Buddy ist noch gar nicht richtig wach. Sitzt im Morgenrock auf dem Bettrand, schlürft seinen Tee und muffelt vor sich hin. Jan stürzt ins Zimmer. Von Buddys Anblick jäh gebremst, traut er sich kaum zu sprechen. Ob Buddy ihn auf Arbeit vertreten könne. Buddy nickt, seine Laune sinkt weiter. Jan geht, Kristina kommt. Sie ist Griechin, kann kaum Deutsch, nestelt an ihrer Strickweste herum, entschuldigt sich leise. Das schlechte Gewissen in Person. Buddy sagt, er verstehe sie nicht.

"Nicht so theatralisch!" ruft Regisseur Wolfgang Becker, "das ist doch kein Ibsen." Becker will Alltag. Deutschland normal, morgens um sieben, weiter nichts. Auf dem Boden ist noch das Basketballfeld markiert; eine Tafel verbietet das Tragen von Straßenschuhen: "Boots and spikes not allowed". Das Schild erinnert daran, daß hier bis vor kurzem noch Nachkriegszeit war, denn die Wohnung von Buddy, Jan und Kristina, ein "Mausoleum des verlorenen Familienglücks" (Becker), steht auf verlorenem Posten: in der Turnhalle der McNair Barracks, einer alliierten Hinterlassenschaft in Berlin-Lichterfelde. Das war billiger als Babelsberg.

Kein schlechter Drehort für einen Film über Menschen mit vorläufigen Existenzen - und über eine Stadt, in deren Zentrum vor lauter Bauarbeiten fast täglich die Straßenführung verändert wird. Unter dem Arbeitstitel "Das Leben ist eine Baustelle" skizziert Becker eine Übergangsgesellschaft und portraitiert Figuren, die im deutschen Kino seit Jahren nicht vorkommen. Buddy (Ricky Tomlinson) und Jan (Jürgen Vogel) lernen sich beim Gelegenheitsjob auf dem Fleischhof kennen. Buddy tanzt mit einer Schweinehälfte; einmal pro Woche trifft er im Spree-Teddy-Club andere Buddy-Holly-Fans. Jans Vater liegt tot in der Küche seiner Vier-Zimmer-Altbauwohnung. Vera (Christiane Paul) schlägt sich als Buffetschnorrerin durch, Kristina sucht ihren verschollenen Bruder. Die vier renovieren die Wohnung des Toten, ersetzen den väterlichen Plüsch durch den eigenen Plunder, suchen Arbeit, improvisieren ein Zuhause, und Jan und Vera probieren die Liebe. Sie ist eine komplizierte, unsichere Angelegenheit, überschattet von Finanznot und Existenzangst: "Die Liebe", sagt Koautor Tom Tykwer, "in den Zeiten Kohls." Familien funktionieren nicht mehr, Beziehungen taugen nicht zur Komödie. Einmal sagt Buddy, er habe jahrelang darauf gewartet, daß sein Leben endlich anfängt, aber es sei immer nur einfach weitergegangen.

"Erstens glauben wir an den deutschen Film. Zweitens glauben wir an den deutschen Kinofilm. Und drittens glauben wir, daß ein deutscher Kinofilm nicht unbedingt eine Beziehungskomödie mit Beziehungskomödienstars sein muß", sagt Produzent Stefan Arndt. Noch klingen die markigen Worte wie Pfeifen im finsteren Wald. Stefan Arndt, bisher Kinobetreiber und Filmverleiher, gründete gemeinsam mit den Regisseuren Wolfgang Becker ("Kinderspiele"), Tom Tykwer ("Die tödliche Maria") und Dani Levy ("Robbykallepaul") vor gut einem Jahr die X-Filme Creative Pool GmbH, eine Art ganz junger Filmverlag der Autoren. "United Artists der neunziger Jahre" nennen sich die X-Filmer gerne. Das klingt nach Muskelspiel. Aber warum eigentlich nicht?

Arndt, Becker, Tykwer und Levy verstehen ihre Firma als vertrauensbildende Maßnahme und als konstruktives Korrektiv: gegen die Vereinzelung des subventionierten Autorenfilms und gegen die Isolation der zahlreichen filmschaffenden Wahlberliner. In Deutschland fehlen kreative, starke Produzenten; also produzieren die Regisseure als Firmenteilhaber selbst. "So kann mehr Geld in den Film fließen statt in Büroeinrichtungen", spielt Becker auf schlechte Erfahrungen mit der Abzockermentalität der Branche an.

Auch Vertriebsprobleme will man anders lösen. Dani Levys letzter Film "I was on Mars" wurde zwar in 25 Länder verkauft, fand aber in Deutsch-land lange keinen Verleih. Außerdem wollen die X-Filmer dem Verschleppungseffekt der Filmförder-Bürokratie beikommen, denn nicht jeder Filmstoff ist von zeitloser Schönheit. Wer Förderung aus Nordrhein-Westfalen, Berlin und Hamburg erhält, muß in allen drei Bundesländern auch wieder Geld ausgeben. Dieser Regionaleffekt und die "jahrelange Haftung an eine Idee" (Levy) machen viele Kinogeschichten ortlos. Die Filme spielen überall und irgendwann, oder sie sind von vorgestern. Daß die deutsch-deutsche Gegenwart noch im siebten Jahr nach dem Mauerfall im Kino ein blinder Fleck ist, hat nicht zuletzt diesen produktionstechnischen Grund. Jungregisseure wie Wolfgang Becker haben bei ihrem vierten Film den vierzigsten Geburtstag bereits hinter sich - weil über dem Schreiben und Anträgestellen jedesmal drei bis vier Jahre vergehen.

Gemeinsame Geldbeschaffung, geteiltes Geschäftsrisiko, die Verwertungsrechte an den eigenen Produktionen und die Einbindung von Drehbuchautoren sollen die langwierigen Verfahren abkürzen. Fernziel der Firma ist der dritte Weg zwischen Kunst und Kommerz: schnelle, aktuelle, unberechenbare Filme, Geschichten mit Handschrift und Haltung, anspruchsvolles Kino für ein breites Publikum. Von den Fehlern der ersten Autorengeneration um Wenders, Kluge und Hauff, die das Einzelkämpfertum nie ganz aufgab und zuwenig publikumsstrategisch dachte, wollen sie lernen. Inzwischen, so Dani Levy, sei die GmbH eine Firma, die ihren Projekten hinterherwachse.