Die Affäre der deutschen Politik mit John Maynard Keynes war kurz, aber heftig. Sie begann mit der ersten richtigen Rezession der Bundesrepublik im Winter 1966/67 und endete 1974 mit der zweiten. Nachdem im Januar 1967 die Zahl der Arbeitslosen auf 620 000 gestiegen war - heute würde man dies wohl als Vollbeschäftigung bezeichnen -, begann SPD-Wirtschaftsminister Karl Schiller innerhalb der Großen Koalition die Wirtschaftspolitik umzukrempeln: Der Bund verschuldete sich und kurbelte die Nachfrage an, in der "konzertierten Aktion" stimmten sich Regierung, Tarifparteien und Bundesbank ab, das Stabilitätsgesetz wurde beschlossen. Mit den Ideen von Keynes besiegte Schiller nicht nur die Krise, er schaffte es als begnadeter Kommunikator auch, dessen Botschaft einem Millionenpublikum zu vermitteln: Der Staat kann und soll die Arbeitslosigkeit bekämpfen; Geldausgeben und Schuldenmachen sind - zur rechten Zeit - nicht Laster, sondern Tugenden. Der Glaube an die Verbesserungsfähigkeit aller Lebensumstände erreichte unter den Westdeutschen enorme Verbreitung. Wirtschaftswissenschaft und Wirtschaftspolitik wurden zu einer Sache äußerster Leidenschaft, ganz im Sinne von Keynes übrigens, der einmal davon sprach, man müsse sich von der Bedeutung einer ökonomischen Formel "bis ins Knochenmark" durchdringen lassen.

Heute sind in Deutschland 4,3 Millionen Menschen ohne Arbeit, aber auf die Idee, ein keynesianisches Beschäftigungsprogramm aufzulegen, kommen nur noch Außenseiter: Die Staatsschulden sind auch so schon kaum in den Griff zu bekommen. Viele Politiker wissen vermutlich überhaupt nicht mehr, daß es so etwas wie ein Stabilitätsgesetz gibt, und im jüngsten 50-Punkte-Programm des Wirtschaftsministeriums kommt das Wort "Nachfrage" gar nicht vor.

Wieso diese radikale Abkehr von Keynes? Lag es an dessen Lehren, wurde er fehlgedeutet, oder steckt etwas anderes dahinter?

Keynes befaßte sich mit einem besonderen Problem: der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre mit ihrer Massenarbeitslosigkeit und einem beispiellosen Zusammenbruch der Wirtschaftsleistung in der gesamten kapitalistischen Welt. Vor dem charismatischen Briten hatten die Ökonomen ungefähr so argumentiert: Arbeitslosigkeit bedeutet, daß Arbeit, gemessen an der Nachfrage, zu teuer ist. Also müssen die Löhne gesenkt werden. Kostensenkungen führen dann zu Preissenkungen und diese zu niedrigeren Zinsen. Damit rentieren sich neue Investitionen wieder, und der nächste Aufschwung kann beginnen.

Viele Politiker, etwa der deutsche Reichskanzler Heinrich Brüning, hielten sich an diese Ratschläge und trieben die Volkswirtschaften immer tiefer in die Depression. Irgend etwas stimmte also an der Theorie nicht. Keynes sagte nun: Die alten Ökonomen haben die Rolle des Geldes in der Wirtschaft nicht verstanden. "Die Bedeutung des Geldes liegt entscheidend darin, daß es eine Brücke zwischen Gegenwart und Zukunft herstellt", notierte er während der Arbeit an seinem Hauptwerk, der "Allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes". Geld ist also ein Instrument, mit dem die Unternehmer ihre Zukunftserwartungen umsetzen: Sind sie zuversichtlich, wird investiert, ist die Stimmung schlecht, horten die Kapitalisten Geld. Dabei kann es sein, daß die erwarteten Gewinne (Keynes nannte sie "Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals") schneller sinken als die Zinsen. In diesem Falle funktioniert die althergebrachte Mechanik der Zinsen nicht mehr, die Unternehmer sitzen in der "Liquiditätsfalle", es kommt zu einem "Gleichgewicht bei Unterbeschäftigung".

Jemand muß die Unternehmer aus der Liquiditätsfalle herausführen - der Staat: er kann neue Nachfrage schaffen, die Erwartungen stabilisieren und so für Investitionen sorgen. Keynes fürchtete, daß die Unternehmer in der Regel zu kurzfristig kalkulieren - shorttermism heißt dies in der Sprache heutiger Unternehmensberater. In der "Allgemeinen Theorie" spielt er aus dieser Sorge heraus mit ziemlich radikalen Gedanken: Das "Schauspiel der modernen Investitionsmärkte" habe ihn auf die Idee gebracht, "daß es vielleicht ein nützliches Mittel gegen die Übel unserer Zeit sein könnte", Investitionsentscheidungen "permanent und unauflösbar zu machen wie eine Ehe". Er verwirft die Idee gleich wieder, das Dilemma bleibt in seinen Augen jedoch: Geld kann kurzfristig viel rentabler sein als neue Arbeitsplätze.

Gäbe es in der Wirtschaft einen unendlich weisen Unternehmer, der unendlich schnell unendlich viele Informationen verarbeiten kann, dann wäre Konjunkturpolitik überflüssig. Da aber Unternehmer gewöhnliche Sterbliche sind, müssen sie gelegentlich vor ihren eigenen Erwartungen geschützt werden. Individuelle und kollektive Rationalität können auseinanderfallen. Dies ist ein wesentlicher Teil von Keynes' Botschaft.