So viel war schon von den Proben durchgesickert: Jesus werde vom Kreuz herabsteigen und mit dem Bischof tanzen! Also doch noch das übliche Unübliche des zornigen "jungen" Mannes: die unvermeidliche Streicheleinheit mit dem Hammer gegen den Schädel. Denn was wäre uns eine Opernpremiere mit dem Regisseur Hans Neuenfels ohne Irritation oder Provokation?! Er braucht das für sein Ego - und ist es uns schuldig zur Bestätigung unserer (Vor-)Urteile. Alle können zufrieden sein: Bravo-Orgien für die sich abstrampelnden Künstler, Buh-Stürme und Pfui und Pfiffe für den Regisseur; Ort und Anlaß: Verdis "Il Trovatore" in der Berliner Deutschen Oper.

Gleich zu Beginn dieses sich selbst klischierende und zugleich karikierende Schwarz-Weiß (Ausstattung: Reinhard von der Thannen). Noch vor der eigentlichen Szene jagen auf einer kleinen Hintergrund-Bühne zwei schwarze Gestalten einander nach - wir ahnen, was wir wissen, wir wissen, was wir ahnen sollen: "verborgen" dieser, "finster" jener und sich maskierend dazu, und in allem und jedem der totale Gegensatz. Die Vorhalle im Schloß Aliaferia, die Diener und Soldaten, ihr Hauptmann Ferrando: ein leicht in eine Schieflage geratener mächtiger Rundturm, ein Haufe tatteriger Deppen, ein hochgeputzter Möchtegern-Grande - alles in Silber und Anthrazit. Die Hofdame Leonora im zweiten Bild samt ihrer Gesellschafterin Ines: in zwar schwarz-weißen, dennoch üppigsten Velazquez-Reifröcken die gezielte Geziertheit höfischer Fassade und Etikette.

Farbe bringt erst die Vergangenheit oder das wirkliche Leben - und das ist hier: Mißhandlung, Gewalt, Brutalität, Unmenschlichkeit. Schon während der Hauptmann seinen Leuten das den ganzen Plot initiierende Ereignis berichtet, wird hinten vor verräterischem Rot das Erzählte gedoubelt: Vater von Luna drangsaliert den kleinen Manrico, der mit seiner Prothese nicht zurechtkommt, sich abmüht, aber nicht marschieren kann. Aber irgendwann wird auch verfremdet, nein: anders gelesen und anders gewertet. Eine "Hexe" möchte, zeigt Neuenfels, eigentlich Gutes tun und heilen; doch ihre Absicht, so war das halt in finsteren voraufklärerisch-patriarchalischen Zeiten, wird verkannt, sie selber abgeführt, in ihrem Wohnwagen verbrannt: "Sia maledetta - Sie sei verflucht." Wie weit ist es bis Mölln und Solingen?

Diese Zweischichtigkeit der szenischen Rückblende hat ihre intellektuellen wie vor allem theatralischen Reize: Neuenfels spielt "unterhaltsames" Theater - und verweist dabei immer wieder auf uns gewohnt gewordene Normalsituationen oder psychische Vorgänge, hinter denen gesellschaftliche Attitüden sich verstecken, Zwänge, Routine, Scheußlichkeiten, Infamien, Sadismen, die kleinen alltäglichen Grausamkeiten und subtilen Quälereien wie das honorig ummäntelte Kapitalverbrechen. Daß er dazu das Stück hier und da um- oder gar verbiegt, bleibt nicht aus.

Die Farbe des wirklichen Lebens kann auch sein: Show. Während Leonora berichtet, daß sie nach einem Turnier den Sieger krönte, der ihr dann zu nächtlicher Stunde ein Ständchen sang - wird uns das Bild eines nackten tätowierten jungen Mannes aus der Elvis-Schule enthüllt; schon die Zensur hatte den Genitalbereich überklebt, nun verdeckt auch noch, doppelt hält besser und vor allem doppelsinnig, ein Statist mit einer Gitarre den empfindlichen Bereich.

Farbe ist Leben, ist: Folklore - Stierkampf, Zigeuner und Kult, Multikulti. Die beiden Brüder Luna und Manrico erkennen einander nicht, wohl aber jeder in sich den Toreador, der den anderen wie einen Stier zu erlegen sucht. Das Liebes-Duett zweier Belagerter (2. Szene 3. Akt) erhält einen anderen Charakter, wenn dazu Türken oder Iraner zeigen, daß sie gewohnt sind, in Pappkartons zu hausen.

Das farbige Leben (und Sterben) kann sogar münden in politische Analogien, etwa im Finale: Manrico und seine Ziehmutter Azucena warten im Kerker auf eine ungewisse Zukunft; sie stehen dabei zu den beiden Seiten einer Stacheldraht-bewehrten Mauer - die über einen kleinen Tunnel zu überwinden ist. Und an der Mauer wird geschossen - mit Platzpatronen und in die Luft. Aber immerhin singt der Schuft, der den Tod dessen, der sein Bruder war, zu verantworten hat, dazu: "E vivo ancor - Und ich lebe noch"!