Überall im Orient erzählt man sich die alte Fabel von Ahmak, dem Toren, und seinem Löwen; Ahmak, der ein verlassenes Löwenkind im Dschungel gefunden, es mit nach Hause genommen und aufgezogen hatte. Aber er verwöhnte es derart, daß das Raubtier sich später in der freien Natur nicht mehr zurechtfand. Es kehrte in das Haus des Ziehvaters zurück und fraß ihn auf.

Fünfzehn Jahre ist es nun her, daß sich einer hinsetzte und aus dieser Geschichte ein Gedicht machte, für ein Kinderbuch. Niemand fand etwas dabei, warum auch? Bis sich vor vier Jahren ein obskurer islamischer Geistlicher zu Wort meldete und Blasphemie schrie. Mit dem Toren, so der Mullah, sei in Wahrheit der Prophet gemeint und mit dem Löwen der Schwiegersohn Mohammeds, denn der vierte Kalif, Ali ibn Abi Talib, sei der nicht bekannt als der "Löwe Gottes"? Allein diese Verdächtigung genügte schon, den Verfasser des Gedichts, einen Mann damals hoch in Siebzigern, zu verhaften und dann von Gericht zu Gericht durch das Land zu jagen. Hängen wollten ihn die Mullahs, denn auf Blasphemie steht in Pakistan, wo sich das alles abspielte, die Todesstrafe. Absurd, aber wahr.

Nun, der Mann lebt noch. "Ich habe mich diesen Herren gegenüber, die den Koran nur halb so gut kennen wie ich, reumütig gezeigt. Was für einen Sinn hat es, den Märtyrer zu spielen. Ich bin kein Salman Rushdie", sagt Akhter Hameed Khan heute. Schließlich hat er noch viel vor in seinem Leben. Der 82jährige ist Pakistans bekanntester Gandhianer, was keineswegs im Widerspruch zur Staatsreligion Islam steht, ein bedeutender Historiker und Religionswissenschaftler, Dichter und Philosoph, ein Mann, der als Sozialaktivist in aller Welt bekannt geworden ist. Sein Slumprojekt in Orangi hat Geschichte gemacht. Dr. Akhter, wie er gemeinhin genannt wird, ist einer der eindrucksvollsten Menschen im heutigen Pakistan, hochverehrt und geachtet.

Doch genau das hat ihn ins Visier der Mullahs gerückt. Leute, die für einen "zivilisierten", freiheitlichen Islam eintreten und gar nicht daran denken, sich einschüchtern zu lassen, sind für sie das größte Ärgernis. Zwar haben die Radikalen nichts dagegen, wenn Akhter Hameed Khan die Premierministerin Benazir Bhutto ein dummes Schulmädchen schimpft, weil sie alles treiben läßt. Aber wenn er die Versuche der Islamisten "gespenstisch" nennt, den Menschen gegen ihren Willen wieder das Mittelalter aufzuzwingen, dann hört der Spaß auf. Und erst recht, wenn der alte Mann von einer "Hitler-Periode" des Islam spricht, aber gleichzeitig eine Gegenstrategie empfiehlt: nämlich Zivilcourage. Das gefährdet den großen Plan.

Denn in Pakistan, das als moderater Muslim-Staat gern eine Brücke zwischen West und Ost gewesen wäre, breitet sich mit beängstigender Geschwindigkeit ein rückwärtsgerichteter, intoleranter und aggressiver Islam aus. Über die Maulvis, die halbgebildeten Dorfgeistlichen, pflegte man früher (nach der Art der Ostfriesenwitze) gern einen Scherz zu machen. Heute hat man Angst vor ihnen. Denn sie sind angetreten, die alte Ordnung, und das heißt beileibe nicht allein die immer noch regierende Feudalaristokratie, zu stürzen.

Das Gefühl, der Islam sei bedroht, da er nach dem Zusammenbruch des Kommunismus das neue Haßobjekt des Westens sei, treibt den Islamisten die Gläubigen zu Zehntausenden in die überall aus dem Boden sprießenden Koranschulen. Die Mittel aber für den eigenen Abschuß liefern die Regierenden selber: mit ihrer Arroganz gegenüber den Nöten des gemeinen Volkes und ihren dümmlichen Anbiederungsversuchen bei den Fundamentalisten. Völlig ohne Not haben sie den Islamisten ein Geschütz in die Hand gegeben, das Pakistan zu einem zweiten Iran machen wird: das Blasphemiegesetz. Jetzt kann jeder jeden wegen angeblicher Gotteslästerung denunzieren und in die Todeszelle bringen, mehr noch: Muslime haben angeblich das Recht, Gotteslästerer auf der Stelle und eigenhändig zu bestrafen, auch zu töten. I. A. Rehman, Direktor einer unabhängigen Menschenrechtsorganisation, spricht von einer "Angstpsychose, die das ganze Land erfaßt hat. Kein Intellektueller traut sich mehr, den Mund aufzumachen." Über einen zukunftsweisenden, fortschrittlichen Islam mag niemand mehr laut nachdenken in Pakistan, nun, da der Marsch zurück in die Vergangenheit begonnen hat.

"Sie sprechen von islamischer Ordnung, aber sie meinen die Macht, sie beschwören die glorreiche Vergangenheit, aber sie wollen nicht begreifen, daß Aggression Selbstmord ist. Dschihad - Heiliger Krieg! Noch immer glauben sie, daß das Schwert die Argumente ersetzen kann." Akhter Hameed Khan ist sicher, daß der Umma, der weltweiten Glaubensgemeinschaft, ein dunkles Jahrhundert bevorsteht. "Die Buddhisten sind als gleichberechtigte Partner in aller Welt anerkannt, die Hindus sind dabei, sich diesen Status zu erkämpfen - aber wir, die Muslime, hängen im luftleeren Raum. Spirituelle, philosophische oder auch nur soziale Anstöße? Nichts davon. Reform? Ein schmutziges Wort." Denn: "In islamischen Ländern kann nicht mehr über den Islam nachgedacht werden." Der Islam ist in der Todesfalle der Intoleranz gefangen.