Nein, der marmorne Ephebe aus Moiza, der den Besucher oben am Ende des Treppenhauses und Eingang der Ausstellung empfängt, sollte nicht im Gegenlicht stehen, das ihn aus dem überglasten Innenhof umfängt, denn es blendet und glättet. Aber wenn man ihn von der Seite betrachtet, den athletischen Körper, der sich in der Bewegung zwischen Standbein und Spielbein selbst zu modellieren scheint und dessen kräftige Konturen durch das zarte Material einer gefältelten Tunika mehr betont als verborgen werden, dann sieht man jene selbstverständliche Ponderation der Formen, jene schöne Intelligenz des Ausdrucks, die für das westliche Europa rund zweitausend Jahre Sehnsucht und Norm zugleich waren. Oder ist dieses Kunstprodukt der Magna Graecia doch von etwas anderer expressiver Konstitution als seine Vorgänger aus der Zeit der klassischen griechischen Skulptur?

Vor zehn Jahren wurde in Venedig der von Gae Aulenti, Italiens selbstbewußter Stararchitektin, renovierte und vollkommen neu ausgestattete Palazzo Grassi mit der Ausstellung "Futurismus und Futurismen" wiedereröffnet. Für die Renovierung und Erhaltung des Palazzos sowie die hier gezeigten großen Ausstellungen (inzwischen sind es vierzehn) war und ist der Fiat-Konzern zuständig, ein Sponsorentum, das auch etwas mit der Kultur einer Familie zu tun hat und von dem mancher neureiche und brutale Möchtegern-Mäzen in unserem Land etwas lernen könnte, wenn er denn wollte.

Vor zehn Jahren der Futurismus, der lustvolle Sprung ins schrille Übermorgen, die Italiener gehörten damals zur Vorhut. Jetzt die griechische Vergangenheit, der nachdenkliche Blick ins archäologische Vorgestern. Ein Angebot an Europa? Das hat, von Lord Byron bis hinunter zur Toskana-Fraktion, seine mittelmeerischen Möglichkeiten schon immer goutiert, geliebt und genossen. Eine Selbstdarstellung vor der europäischen Gemeinschaft? Das will dem, der die Ausstellung durchwandert hat, die auf einen Erlaß des italienischen Kultusministers zurückgeht, schon eher einleuchten. Denn hier sind nicht nur in 36 Sälen und 500 Vitrinen rund 1000 Exponate auf das sorgfältigste in Szene gesetzt, hier wird, das ist ein Leserundgang in der zweiten Reihe, an den Wänden auch die ganze Geschichte des Mittelmeerraums, Schwerpunkt Italien, der Zeit vom 8. bis zum 2. Jahrhundert v. Chr. in Texten referiert: die Landnahme der Griechen. Für die Darstellung dieses Ereignisses, im Katalog "die wichtigste Reise der Geschichte" genannt, rechnet man mit einer Million Besucher, und die italienischen Schüler, die eine Klassenreise nach Venedig machen dürfen und müssen, werden beim Erreichen der gewünschten Rekordmarke kräftig mithelfen.

Kolonialisierung oder Begegnung? Die Seefahrer, die sich nach der Krise der mykenischen Reiche - Homer hat sie in seiner Erzählung vom Trojanischen Krieg überliefert - auf die Fahrt gen Westen machten, waren keine politischen oder wirtschaftlichen Flüchtlinge im heutigen Verständnis. Sie stammten meist aus höheren Klassen, kamen als Kaufleute, Wissenschaftler, Handwerker, Philosophen, Architekten und importierten außer ihren speziellen Talenten und Kenntnissen auch die ersten Erfahrungen mit der Polis, der staatlichen Organisation einer autonomen Gemeinschaft freier Menschen. Sie ließen sich an den Küsten Apuliens, im äußersten Süden der italienischen Halbinsel, und auf Sizilien nieder. Die "Barbaren" ließen sich's gefallen und profitierten von dieser Landnahme. Und noch heute fühlen sich die Bewohner Siziliens, das sich nach 1946 den Status einer autonomen Region erstritt, in manchen Regionen mehr als Griechen denn als Italiener. Aus Sizilien, aus den Museen von Syrakus, Palermo und Agrigent kommt denn auch ein knappes Drittel der Exponate der Ausstellung, an der zwölf Staaten beteiligt sind - daß die meisten Fremdleihgaben aus Deutschland sind, reflektiert die Tatsache, daß die Archäologie hier schon Mitte des 18. Jahrhunderts als Wissenschaft etabliert wurde; das Deutsche Archäologische Institut in Rom setzt diese Tradition mit seiner Arbeit fort.

Hunderte von Kunstwerken, Fundstücken, Zeugnissen: dekorierte Amphoren und Krater, Statuen aus Marmor und Bronze, Statuetten aus Ton, Masken, architektonische Elemente, mit Reliefbildern geschmückte Metopen und Friese, zarte Ohrgehänge und zierliche Armreifen, Ketten, Helme und Bronzerüstungen. In der Ausstellung sind sie chronologisch geordnet und werden unter einer verwirrenden Fülle von Titeln und Subtiteln dargeboten, kumulieren aber nur selten zu einem Höhepunkt wie in dem Raum mit doppelten Thron ("Ludovisi" und "Boston"), an dessen Wänden sich auch eine leidenschaftliche wissenschaftliche Debatte abspielt. In den meisten anderen Räumen jedoch liefern die langen Texte, Schaubilder und Photomontagen zwar den historischen Hintergrund und Kontext, sind aber ohne Bezug zu den Exponaten. Der "Atlas" an der Wand, so heißt es, soll noch als eigenständiges Textbuch gedruckt werden - das ist schön und vielleicht auch lohnend, sagt aber alles über die Eignung als sinnvolle Ergänzung der Ausstellung.

Es gibt aber noch ein anderes Textbuch in der Ausstellung, es besteht aus vielen großen und kleinen Geschichten, die man von Bildern ablesen und einige davon auch zu Hause wieder noch nachlesen kann: Die Rede ist von den bemalten Vasen, die insgesamt der vielleicht schönste, bestimmt aber der animierteste Teil der Ausstellung sind. Das Gros der in der Magna Graecia hergestellten Vasen (Tarent und Paestum waren die Zentren der Produktion) wurde als Grabbeigabe verwendet. Und mit den schönsten und lebendigsten Geschichten der Mythologie und Szenen der Dichtung (Aischylos und Euripides waren die beliebtesten Autoren) dekoriert. Die Macho-Auftritte des Herakles, die süßen Versuchungen des Odysseus, die Geburt der Helena durch den Hebammenauftritt eines alten Herren mit einer doppelseitigen Axt: Solche und andere poetische und pathetische, komische und dramatische Szenen und Geschichten werden auf dem schwarzen Hintergrund der Vasen erzählt, Epos und Comic strip zugleich.

Am Anfang der Ephebe in Lebensgröße, am Ende eine küchengroße Vase in Wolfsgestalt, Romulus und Remus hängen am Unterleib. Äneas war auf der Flucht vor dem Krieg in der griechischen Heimat an den Ort gekommen, von dem aus Italien später beherrscht werden sollte. Und Griechenland. Aber, schrieb Horaz, "das besiegte Griechenland besiegte seinerseits den wilden Sieger, indem es in den Römern den Sinn für Kunst und Literatur weckte". (Palazzo Grassi bis zum 8. Dezember. Der Katalog - in Italienisch und Englisch, eine deutsche Ausgabe soll noch erscheinen - ist, mit einer Unzahl von Fachaufsätzen, ein Schwergewicht für Spezialisten, tragbar für Bücherborde, aber nicht für Ausstellungsbesucher)