Damaskus/Beirut

Das Verhältnis zwischen Syrien und Israel, meint der syrische Philosoph Sadiq al-Azm, erinnere ihn sehr an europäische Politik zu Zeiten der Renaissance: "Da gibt es zwei verfeindete Dynastien, die aus Gründen der Staatsräson beschließen, eine Ehe zwischen ihren Familien zu stiften. Braut und Bräutigam lieben sich nicht, aber sie haben keine Wahl - sie müssen sich in ihr Schicksal fügen." Der Frieden im Nahen Osten sei nur noch eine Frage der Zeit, glaubt der Philosoph. Doch wird es ein Frieden sein zwischen gleichberechtigten Partnern? Oder aber ein Diktat, in dem die stärkere, die amerikanisch-israelische Seite, der schwächeren, der arabischen, ihren Willen aufzwingt?

"Es gibt bei den Israelis einen Absolutismusder Sicherheitsansprüche", argumentiert Sadiq al-Azm. "Egal, wie viele Garantien ihnen die Araber geben würden, egal, wie oft die Araber in der Vergangenheit von den Israelis militärisch geschlagen und gedemütigt wurden - der Sicherheitsaspekt ist in der israelischen Gesellschaft fast schon eine Obsession, eine existentielle Komponente, die oft genug politisch instrumentalisiert wird. Was will denn die stärkste Militärmacht in der Region von uns Arabern? Die vollständige Kapitulation?"

Sadiq al-Azm traf den emotionalen und politischen Grundton einer bemerkenswerten Veranstaltung, die vorige Woche im Goethe-Institut in Damaskus stattfand. Wohl zum ersten Mal konnten westeuropäische Soziologen und Journalisten öffentlich mit syrischen Politikern, Geschäftsleuten, Wissenschaftlern und Intellektuellen über die Lage im Nahen Osten und die Perspektiven des Friedensprozesses diskutieren. Zwar wäre die Begegnung um ein Haar vom syrischen Kulturministerium verboten worden, aber bei den syrischen Teilnehmern war die Sehnsucht nach einem offenen Meinungsaustausch größer als die Angst vor dem Geheimdienst.

In einem Punkt zeigten sich deutlich Meinungsunterschiede. Während die Europäer - und insbesondere die Deutschen - für Pragmatismus im Umgang mit Israel plädierten, sprachen die Syrer in erster Linie von "historischen Rechten" der Palästinenser auf ihre Heimat. Und sie kritisierten den Versuch westlicher Politiker, immer wieder eigene Interessen in der Region mit Hilfe Israels durchzusetzen. Wieso habe man auf der Antiterrorkonferenz am 13. März in Sharm ash-Shaykh allein den Terrorismus der Hamas und anderer arabischer Gruppen gegeißelt, nicht aber den "israelischen Staatsterrorismus" im Südlibanon, die seit 1978 andauernde, völkerrechtswidrige Besetzung von beinahe zwanzig Prozent libanesischen Territoriums? "Ist nicht", fragte der Damaszener Korrespondent einer proiranischen, in Beirut erscheinenden Zeitung, "der Heilige Krieg die legitime Antwort des Ohnmächtigen auf die Arroganz des Mächtigen?"

Das tragische ist, daß diese Fragen emotional ebenso verständlich sind wie in der Sache irrelevant. Der Friedensprozeß ist unumkehrbar, Palästinenser und Israelis sind dabei, ihr Zusammenleben zu organisieren. Am Ende wird es einen palästinensischen Staat geben, und zwar mit Ost-Jerusalem als Hauptstadt. In Israel wird das gegenwärtig niemand öffentlich einräumen, denn es herrscht Wahlkampf, und noch steht das Land unter dem Schock der Anschläge. Tatsache ist aber, daß beide Seiten hinter verschlossenen Türen bereits über den künftigen Status von Jerusalem verhandeln. Der "Heilige Krieg" einiger Dutzend Selbstmordattentäter mag den Friedensprozeß verlangsamen, kann ihn jedoch nicht mehr aufhalten. Die Zeichen stehen auf Pragmatismus.

Jassir Arafat hat das rechtzeitig erkannt und sich nach dem Golfkrieg um die Ölquellen Kuwaits von arabischer Mythologie befreit. Er will einen palästinensischen Staat; und um dieses Ziel zu erreichen, ist er zu Kompromissen bereit. Arafat entschied sich für einen Frieden auf Raten, während der intellektuelle und politische Mainstream der arabischen Welt rhetorisch noch immer in den fünfziger und sechziger Jahren lebt, in einer rückwärtsgewandten Alles-oder-nichts-Haltung verharrt und beispielsweise empfiehlt, alle nach 1948 nach Palästina eingewanderten Juden mögen in ihre Herkunftsländer zurückkehren.