BOCHUM. - Paris entwirft einen völlig neuen "Dienst für die Nation". Eine zivile Form des für Männer wie Frauen gleichen staatsbürgerlichen Engagements also. Ein 200 Jahre altes Tabu - die Wehrpflicht - wird gebrochen. Eine Bekehrung ins Pazifistische? Nein, ins Pragmatische. Die militärische Verteidigung wird weiterhin garantiert, aber eben durch eine Berufsarmee. Chirac: "Wir sollen nicht die Armee erhalten, an die wir gewöhnt sind, sondern die Armee aufstellen, die wir benötigen."

Ein Stichwort auch für Bonn? In keinem Land Europas laufen so viele heilige Kühe herum wie in Deutschland. Die Straße zu einer realitätsgerechten Sicherheitspolitik ist blockiert. 340 000 Mann unter Waffen, ohne Feindbild. Marktwirtschaftlich eine hoch subventionierte Ruhestandspopulation, die 48 Milliarden Mark verschlingt, den zweithöchsten Posten im laufenden Haushalt.

In der Bundesrepublik erreicht die Zahl der Kriegsdienstverweigerer mit 155 000 Männern eine Rekordhöhe. Die Wehrpflicht gerät ins Wanken. Bei einer repräsentativen Befragung 16- bis 18jähriger Jugendlicher meinten nur noch 20,7 Prozent, der Dienst bei der Bundeswehr sei "wichtiger für die Gesellschaft" als der Zivildienst. Wissen, wofür man sich engagiert, das wird zu einer Frage von politischer Relevanz, nicht nur für Jugendliche. Ein neuer obligatorischer europäischer Aufbaudienst, auch für Mädchen, könnte jungen Staatsbürgern ermöglichen, ihre schöpferischen Fähigkeiten einzubringen, ihre soziale Einsatzbereitschaft, ihren Mut, ihre Abenteuerlust, den Erlebnisdurst weit weg von zu Hause zu befriedigen.

Ein europäischer Aufbaudienst kann jedoch nur Erfolg haben, wenn er nicht wie starre Militärverbände mit ihrem inneren Anpassungsdruck organisiert wird, wenn kleine, dezentrale Arbeitsgruppen an die Stelle der alten Gehorsamssysteme treten. Erst eine solche Struktur ließe der Phantasie, der Solidarität, dem Mitfühlen jenen Raum, ohne den technisch-ökonomische Zukunftsgestaltung nicht möglich wird. Es könnte ein Dienst mit sportivem Teamgeist sein, der beschwingt und nicht mehr unter der alten hierarchischen Befehlswelt leidet. Ein Erlebnisdienst mit Begeisterung und ohne die ächzende Opfermentalität der alten "linken" Gesinnungseliten.

Glücklicherweise liegen die jahrzehntealten Erfahrungen der Friedensdienste wie die der Aktion Sühnezeichen vor. Sie brauchen nur angewandt zu werden. Seit 1959 haben Tausende von Jungen und Mädchen in diesem Friedensdienst Wiederaufbauarbeit geleistet. Nach diesem Modell könnten russische wie deutsche, polnische wie englische Jungen - und Mädchen - animiert werden, als Sozial-dienstleistende in ökologischen Aufbaueinheiten zu arbeiten. Das wäre notwendig in den Industrieregionen zwischen Halle und Kiew, in den sozialen Brennpunkten der reichen Gesellschaften und schließlich, wenn auch problematischer, in den Armutszentren der Dritten Welt.

Dies neue gesamteuropäische Jugendwerk sollte vier Arbeitsbereiche anbieten:

1. Sozialarbeit (von der Altenpflege bis zur Kindergartenarbeit)