Kaum ein Land hat die Forschungsfreiheit so solide verankert wie Deutschland. "Forschung und Lehre sind frei", heißt es im Grundgesetz. Doch eine Fülle weiterer Gesetze und Verordnungen reglementiert diese Freiheit wie in keinem anderen Industriestaat von Rang. Deshalb schlägt die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) nun in einer Denkschrift Alarm. Das knapp 200 Seiten umfassende Werk, das im Mai als Buch erhältlich sein wird, wurde von einer interdisziplinären Expertenkommission erarbeitet. Es schildert, wie viele verschiedene Faktoren ganze Forschungszweige lahmlegen oder massiv behindern. Die DFG sieht die "Forschungsfreiheit in Gefahr". Die Denkschrift macht auch konkrete Vorschläge, wie wichtige Hindernisse aus dem Weg zu räumen seien.

Vor allem auf vier Problemfelder wird hingewiesen: erstens teilweise überzogen regulierende Passagen im Tier-, Natur-, Embryonen- und Datenschutzgesetz oder im Gentechnikgesetz. Zweitens die schwer berechenbare und politisierte Umsetzung solcher Gesetze und Verordnungen durch Verwaltungen und Behörden, die je nach Bundesland oder Ansicht einzelner Regierungspräsidien, Naturschutzbehörden oder Tierschutzkommissionen den Forschern Knüppel zwischen die Beine werfen. Drittens allgemeine Belastungen durch das Personal-, Haushalts-, Bau- oder Steuerrecht. Jüngstes Beispiel hierfür ist der Irrwitz, daß die Politik seit Jahren die Forscher bedrängt, sich Drittmittel von der Industrie zu beschaffen - und daß just solche Drittmittel künftig voll der Umsatzsteuer unterworfen sein sollen. "Deutschland ist heute das einzige große Industrieland der Welt, das auf eine steuerliche Begünstigung von Forschung und Entwicklung und damit auf Innovationsanreize weitgehend verzichtet", klagt die DFG. Hinzu kommen viertens Akzeptanzprobleme, deren häßlichste Form sich in Gewalt gegen Forscher und deren Einrichtungen ausdrückt.

Beispiele hierfür sind aggressive Tierrechtler, die mit falschen Behauptungen tierexperimentell arbeitende Forscher öffentlich mit voller Adresse und Telephonnummer anprangern und terrorisieren. Oder Gegner der Gentechnik, die Versuchsfelder zerstören - und der Staat schaut hilflos zu.

Die DFG erkennt sehr wohl die Notwendigkeit von Tier-, Natur-, Embryonen- oder Datenschutz an. Bei der Gratwanderung zwischen notwendiger Regulierung und Freiheit ortet sie jedoch Exzesse, die letztlich auch dem Gemeinwohl schaden. Etwa wenn wertvolle Mineralienvorkommen und Geotope unter strengen Schutz gestellt werden - und anschließend Geologen und Mineralogen behördlich gehindert werden, in diesen Gebieten weiter zu forschen. Offene Gruben verwildern dann, und der Bewuchs macht genau das unzugänglich und zerstört, was eigentlich erhalten werden sollte. Oder wenn die Berliner Ausländerbehörde einen Chinesen, der sein Medizinstudium hier absolviert hat und auf Bitten des Max-Delbrück-Centrums ein interessantes Forschungsprojekt weiterverfolgen soll, zur Ausreise zwingt mit dem Argument, Entwicklungsländer bräuchten dringend Buschärzte. Oder daß ein naturschutzbewegter Doktorand, der in der Rhön zwei Regenmesser aufstellen und Bäche begehen will, dafür Genehmigungen bei zwei Behörden einholen muß. Die eine reagiert gar nicht, die andere lehnt ab und fordert Forschung für die Wiederansiedlung des Fischotters. Allzuoft beeinflußten fachfremde Bürokraten direkt oder indirekt die Forschungsrichtung, konstatiert die DFG. In der Tat leidet Deutschland, nicht nur in der Wissenschaft, an einer Überregulierung, die Kreativität im Keim erstickt (siehe auch den nebenstehenden Beitrag).

Man muß nicht alle Argumente der DFG-Denkschrift teilen, die um Jahre zu spät kommt und nun in den allgemeinen Ruf nach Entbürokratisierung einstimmt. In manchen Gebieten beginnt sich der forschungsfeindliche Wind bereits zu drehen (siehe Seite 35). Dennoch ist die DFG- Denkschrift Pflichtlektüre für all jene, die nach sinnvollen Vereinfachungen in den Bereichen Justiz, Verwaltung, Hochschule und Forschung suchen. Viele der von der DFG kritisierten Mißstände erinnern an Schildbürgerstreiche. So grenzt es an Schizophrenie, Ratten oder Insekten in der Forschung qua Tierschutzgesetz zu behandeln, als seien sie Pretiosen, während sie in der Landwirtschaft massenhaft und gnadenlos als Schädlinge vergiftet werden. Überzogene hiesige Schutzvorschriften führen oft zu einer Verlagerung der Forschung ins Ausland. Damit werden die Probleme nicht besser gelöst, sondern exportiert - und dann unter schlechteren Standards abgewickelt als hierzulande. Etwas mehr Realismus würde allen dienen.