Rangun

Märzvollmond in Rangun, der letzte im buddhistischen Jahr. Was wird das neue bringen, Glück oder Unglück? Symbolträchtig ist diese Nacht. Zu Zehntausenden pilgern die Birmanen mit Opfergaben zu ihrem Nationalheiligtum, entzünden Öllämpchen, benetzen die Buddhas mit kühlendem Wasser. Sanft schimmert das tonnenschwere Gold der Shwedagon-Pagode.

Plötzlich springt ein alter Mann aus der Menge, zeigt auf die allgegenwärtigen Baugerüste und ruft: "Damit versuchen sich die Generäle als gute Buddhisten beim Volk anzubiedern. Aber die Herzen gewinnen sie nicht. Die gehören ihr. Sie ist so stark, daß sie sie niemals vernichten können." Und schon ist der alte Mann, bevor allgegenwärtige Spitzel des Geheimdienstes ihn greifen können, wieder in der Menge verschwunden.

"Sie" ist Aung San Suu Kyi, die große und wohl die einzige Hoffnung der Birmanen. Vor gut einem halben Jahr haben die Militärs die Friedensnobelpreisträgerin überraschend freigelassen. Nicht weil sie ihr Unrecht einsahen - sie hatten 1990 den Wahlsieg der couragierten Demokratin einfach ignoriert und sie unter "Hausarrest" gestellt -, nein, sie wollen sich den zögernden, aber dringend herbeigesehnten ausländischen Investoren als passable Geschäftspartner andienen. Aber was für eine Freiheit ist das, in der Suu Kyis Nationale Liga für die Demokratie verfolgt wird und das ausgebeutete, terrorisierte Volk allein in Tempeln und Pagoden Zuflucht findet und auf die Wiedergeburt im nächsten, besseren Leben wartet?

Der Taxifahrer traut sich nicht, seinen klapprigen Kleinstlaster bis zur University Avenue 54 zu lenken: zu viele Geheimpolizisten. Er setzt mich weit vor dem Grundstück ab. Das berühmtgewordene blaue Metalltor, über dessen durch Plastikumhüllungen "entschärfte" Eisenzacken hinweg Aung San Suu Kyi am Samstag und Sonntag jeweils für eine Stunde wie eine große Schwester mit dem Volk redet, öffnet sich auf ein Klopfen hin. Zwei Männer im landesüblichen Lungi kontrollieren den Paß und verlangen Auskunft: "Bitte deutlich schreiben, damit wir es auch lesen können." Der militärische Geheimdienst hat sich auf dem Grundstück der Nationalheldin eingenistet. "Zu ihrem Schutz", behauptet er. Vor wem? "Vor unsozialen Elementen."

"Auf deren Schutz kann ich verzichten", sagt Aung San Suu Kyi. Lautlos ist sie in das Empfangszimmer des kleinen grauen Hauses am See getreten, an dem auch jener alte Mann "in Pension" lebt, dem Birma seine ganze Misere verdankt, der starrsinnige Militärdiktator Ne Win. Sie wirkt viel größer, aber noch zerbrechlicher und anmutig schöner als damals, 1988, auf den fernen Stufen des Hospitals. Während des Volksaufstandes für die Demokratie hatte sie die wütende Menge beschworen, Gewalt nicht mit Gewalt zu vergelten. Eigentlich war sie nur zu einem letzten Besuch bei ihrer todkranken Mutter nach Birma heimgekehrt, dann aber als Tochter des hochverehrten Generals Aung San an die Spitze einer Bewegung getragen worden, die das Militär nicht ausmerzen konnte, obwohl es den Befehl gab, auf das Volk zu schießen, obwohl es Tausende von Toten und noch mehr gefolterte Gefangene auf dem Gewissen hat.

Die Klimaanlage ("für meine Besucher, die an die Hitze nicht gewöhnt sind") will nicht anspringen. Wir drücken auf diverse Knöpfe. Nichts. Wir verfolgen die Leitungen durch das ganze Zimmer. Es ist kahl bis auf eine Eckbank und hätte schon vor langer Zeit einen neuen Anstrich gebraucht. In den sechs Jahren ihrer Gefangenschaft hat Suu Kyi die meisten Möbel und ihren Schmuck verkauft, um leben zu können. An den Wänden hängen große, verblichene, altmodische Photographien: der Vater, dem sie so ähnlich sieht mit ihrem offenen Gesicht - er hat Birma die Unabhängigkeit erkämpft und war 1947 ermordet worden; die Mutter mit der 1945 geborenen Suu Kyi auf dem Arm; die ganze Familie, lachend, glücklich. "Bessere Zeiten", kommentiert sie trocken.