Ein Gespenst geht um in Westberlin, es heißt "Verostung". Seit einigen Jahren schon wird das Wort im Westteil der Hauptstadt geraunt, jetzt wird es bereits gedruckt. Anfangs war es Ausdruck für den Einigungsschock, den manche Westberliner nach der Öffnung der Mauer erlitten hatten, jetzt dient es als Argument gegen die Vereinigung von Berlin und Brandenburg.

Daß nicht wenige Ostdeutsche die deutsche Einigung mit Jammern und Klagen begleiten, von westlicher Kolonisierung, westlicher Dominanz und von Identitätsverlust reden und immer wieder trotzig erklären, die DDR sei gar nicht so schlecht gewesen - das nehmen viele im Westen verständlicherweise grimmig zur Kenntnis. Ihr habt doch selber die Währungsunion und den Beitritt gewollt und beschlossen und mit langanhaltendem Beifall in der Volkskammer die DDR zu Grabe getragen. Und die Treuhandanstalt habt ihr auch selber erfunden. Dann folgt der Hinweis auf den Milliardentransfer von West nach Ost und auf den maroden Zustand der DDR-Wirtschaft. Und wenn ihr wissen wollt, wo ihr ohne uns ständet, braucht ihr ja nur weiter nach Osten zu blicken. Und wißt ihr denn gar nicht den Freiheitsgewinn zu schätzen? Nein, diese Jammerossis.

Wie sehr wir uns doch gleichen in Ost und West! Denn das Wort Verostung haben Berliner Jammerwessis erfunden. Sie befürchten, daß sie "im roten Meer versinken", sie haben Angst vor östlicher Kolonisierung, östlicher Dominanz und befürchten einen Identitätsverlust. Wie war es doch schön, als West-Berlin noch eine Insel war, die sich trotzig den östlichen Schikanen widersetzte, weltweit geachteter Vorposten der freien Welt inmitten des Sowjetblocks. Und jetzt? Die (West-)Berlinförderung ist gekürzt, die Arbeitslosigkeit liegt erheblich über dem westdeutschen Niveau und nahe beim ostdeutschen. Wir sind die Verlierer der deutschen Einheit.

Jetzt kann der Ostdeutsche einmal gegenhalten und sagen: Ihr habt's doch nicht anders gewollt. Berlin soll Hauptstadt eines in Freiheit vereinigten Deutschland werden, haben wir vierzig Jahre lang gehört und euch auch geglaubt. "Der Insulaner hofft unbeirrt, daß seine Insel wieder schönes Festland wird", klang es sechzehn Jahre lang aus den Lautsprechern, wenn die Insulaner ihre kecken und trotzigen Glossen im Rias zum besten gaben. Und was habt ihr über die Grenzschikanen bei der Fahrt nach Westdeutschland geschimpft!

DDR-Nostalgie dort, Inselromantik hier - wie sehr wir uns doch gleichen. Wenn Träume in Erfüllung gehen, befällt uns Katerstimmung, weil unser Recht aufs vollkommene Glück von den Verhältnissen noch immer mit Füßen getreten wird. Aber bitte, man kann nicht die Mauer wegreißen und das Echo stehenlassen, möglichst noch für beide Seiten ein anderes.

Den DDR-Nostalgikern sind schon reichlich die Leviten gelesen worden. Jetzt nehmen wir uns einmal die Inselnostalgiker vor. Ihr befindet euch mit eurer Nostalgie in einem manifesten Selbstwiderspruch. Jedes Wochenende verstopft ihr mit euren Autos die Ausfallstraßen, weil es euch ins Umland zieht. Diese herrlichen Alleen! Ihr Brandenburger, macht ja nicht unseren Fehler nach, zum Zweck der Straßenverbreiterung diese Alleen abzuholzen! Aha, diesmal freut euch also, daß wir ein bißchen zurückgeblieben sind. Manche Westberliner suchen Baugrund oder ein Wochenendhaus, manchmal als Ersatz für das inzwischen allzu ferne in der Lüneburger Heide - sie sind also, o Graus, bereit, halb oder ganz Brandenburger zu werden. Ihr verostet euch ja freiwillig, mindestens per Teilzeitverostung! Und bei den Berliner Studenten muß man schon manchmal zweimal hinsehen und hinhören, um Ost und West zu unterscheiden.

Ach was, mit Verostung meinen wir doch ganz etwas anderes. Ja aber was denn? Anfangs, als das Wort nur geraunt wurde, war die Angst der Verostung wohl vor allem ästhetischer Natur. Man kann im Osten einfach nicht essen gehen, das schmeckt nicht. Und wie die sich dort anziehen, keinen Geschmack haben die. Von den Häusern bröckelt der Putz - dieser ganze realsozialistische Mief, "Plaste und Elaste", ist einfach unzumutbar. Dann hörte man eine Zeitlang: Die im Osten sind nationalistisch und rechtsradikal. Haben sie nicht "Deutschland, einig Vaterland" gerufen? Aber in Westberlin haben die Republikaner mehr Wähler als in Ostberlin.