Sind Europa, die Europäische Währungsunion und die europäische Einheitswährung nur noch Themen für Märchenerzähler? Da haben diejenigen Politiker, Verbandslobbyisten und Wirtschaftswissenschaftler, die sich längst als Gegner des Euro geoutet haben, die Kunst der Camouflage entdeckt - von dem schlichten Nein haben sie zum konditionierten Ja gewechselt, stellen jedoch dabei Bedingungen, die nicht zu erfüllen sind.

Aber nicht viel offener und ehrlicher agieren inzwischen auch viele Befürworter des Euro. Wer heute angesichts der Konjunkturkrise noch behauptet, die Währungsunion könne bei strikter und schematischer Wahrung der Eintrittskriterien mit einer ausreichend großen Gruppe von Mitgliedsländern zum 1. Januar 1999 in Kraft treten, macht sich und allen anderen etwas vor.

Das Projekt der europäischen Währungsintegration steckt in einer Konjunkturfalle, an die niemand beim Aushandeln des Maastricht-Vertrags vor mehr als vier Jahren gedacht hat. Wegen der Konjunktureinbrüche seither wird kaum einer der Staaten seine Schulden in ausreichendem Maße abbauen können.

Auch Deutschland, das 1996 wie schon im Vorjahr deutlich mehr Schulden als die erlaubten drei Prozent (gemessen am Bruttoinlandsprodukt) aufnimmt, wird diesen Richtwert kaum einhalten. Und die Stunde der Wahrheit kommt schneller, als Finanzminister Theo Waigel lieb sein kann: Bereits der Bundeshaushalt 1997, über den das Bonner Kabinett im Juli beschließt, wird Teil der Grundlage für die Entscheidung, ob die Deutschen reif für die Währungsunion sind. Die schwache Konjunktur darf zwar keinesfalls als Entschuldigung dafür mißbraucht werden, die dringend notwendige Etatkonsolidierung aufzugeben. Andererseits aber widerspräche es allen ökonomischen Erkenntnissen, im Konjunkturtief die Staatsausgaben zusammenzustreichen. Das würde das Tal nur vertiefen und verlängern.

Doch soll das Jahrhundertwerk wirklich nur scheitern, weil die Konjunkturkrise Europa zum falschen Zeitpunkt trifft? Die Vorzüge einer Einheitswährung verlieren ja nicht an Gewicht, nur weil die jüngste Wirtschaftsentwicklung den Maastrichter Kriterien entgegensteht. Nach wie vor gilt: Die Währungsunion kann das Wirtschaften effizienter machen und auf diesem Wege für höhere Einkommen und mehr Beschäftigung sorgen.

Den Termin der Währungsunion hinauszuschieben, um mehr Ländern den Sprung über die Kriterienhürde zu ermöglichen, ist keine Lösung - dann wäre das ganze Vorhaben mit hoher Wahrscheinlichkeit tot. So ist es kein Wunder, daß vor allem Euro-Gegner und -Skeptiker, nicht zuletzt diejenigen in der Spitze der Bundesbank, auf diesen angeblichen Ausweg setzen (siehe auch Seite 26). Wer jetzt unter Hinweis auf die Maastricht-Klauseln den Termindruck beseitigt, eröffnet den Regierungen und Notenbanken den bequemen Fluchtweg aus der geld- und fiskalpolitischen Disziplin. Ein als Verschieben getarntes Scheitern der Währungsunion hätte voraussichtlich weitreichende Konsequenzen. Vermutlich hat Alexandre Lamfalussy, Präsident des Europäischen Währungsinstituts, recht, wenn er für diesen Fall nicht nur den Stillstand der politischen Integration Europas und der Reform der europäischen Institutionen befürchtet, sondern auch einen Rückfall in Nationalismus und Protektionismus.

Indes: Eine laxe Währungsunion unter Verzicht jeglicher Kriterien wäre ebenfalls ein Irrweg. Dann würden auch diejenigen europäischen Länder der Währungsunion beitreten, die wirklich noch nicht reif für die Einheitswährung sind. Die Konsequenzen wären ein weicher Euro und außerdem, zur Stützung der Nachzügler, ein gewaltiger innereuropäischer Finanzausgleich mit gigantischen Transferzahlungen.