BONN. - Nun ist sie also noch einmal davongekommen, die eben noch todkranke FDP. Und mögen auch viele taktische Unionsanhänger der Pünktchenpartei über die Runden geholfen haben: Eine Zäsur markiert der vergangene Sonntag doch. Nicht nur, daß die Bonner Koalition stabilisiert wurde. Sogar der Trend zum Dreiparteiensystem ohne FDP scheint gestoppt. Und die Aussicht auf einen Lagerwahlkampf 1998 kann derzeit beide Bonner Oppositionsparteien nur wenig optimistisch stimmen.

Ob mit der Wahl der FDP nur der Mehrheitsbeschaffer gegen SPD und Grüne gewählt wurde oder ob damit auch ein Neuanfang für die FDP verbunden ist, mag noch offen sein. Nicht mehr offen ist dagegen, daß die Zeiten grüner Herablassung gegenüber der freidemokratischen Konkurrenz nun vorbei sind. Der Kampf ums liberale Erbe ist eben noch nicht entschieden. Die Auseinandersetzung fängt jetzt erst an.

Dabei sprechen nicht nur strategische Gründe für eine verstärkte grüne Beschäftigung mit der FDP. Schließlich hat jener Generalsekretär Westerwelle, der sich nun als politischer Wunderheiler feiern läßt, erst vor kurzem den Entwurf für ein neues Grundsatzprogramm vorgelegt, in dem die altehrwürdige liberale Ideenwelt zusammenschnurrt auf ein Bekenntnis zu Entstaatlichung, radikalem Individualismus und privater Daseinsvorsorge.

Nimmt man diesen Programmentwurf zum Maßstab, dann wäre Liberalität heute auf ein donnerndes Bekenntnis zu Markt und freier Konkurrenz zu reduzieren und hätte die Politik demnächst vor allem eines zu tun: sich zurückzuziehen.

Kein Wort verlieren die Wahlsieger vom Wochenende zu Sozialbindung und Sozialverantwortung, keines zu den Grundlagen von Gesellschaft und Gemeinschaftsbildung. Dafür immer nur Markt, Markt und nochmals Markt. Wo sich Liberale in früheren Zeiten noch mit dem Ausgleich von Freiheit und Solidarität abmühten, wird im Gesellschaftsbild ihrer Nachfahren heute die freie Konkurrenz der vielen einzelnen zum Deus ex machina für das Lebensglück von allen.

Natürlich sind Staatsverschuldung und Abgabenquote zu hoch. Natürlich ist die Stärkung der Eigenverantwortung wichtig und jeder Staat überfordert, der alles und jedes absichern soll. Die finanziellen Spielräume sind enger geworden, und die ökonomische Globalisierung setzt Rahmenbedingungen, über die keine Politik in Deutschland einfach hinweggehen kann.

Aber diesen Problemen wird man mit der Philosophie eines ungebremsten Marktradikalismus gerade nicht zu Leibe rücken können. Denn ein funktionierender marktwirtschaftlicher Wettbewerb setzt ein gesellschaftliches Regelwerk voraus, das gerade nicht auf der Basis reiner Kosten-Nutzen-Kalkulationen entstehen kann.